Seit Januar 2026 erscheint die DGUV forum 6 Mal pro Jahr, jeweils in den geraden Monaten.
Ausgabe 1/2026

Die Rolle von KI in Systemen der sozialen Sicherung aus globaler Perspektive

KI verändert nicht nur einzelne Tätigkeiten, sondern ganze Institutionen und Verwaltungsmodelle. Singapur und die skandinavischen Staaten zeigen, wie strategische Rahmenbedingungen, standardisierte Datenplattformen und gezielte KI-Initiativen soziale Sicherungssysteme effizienter, flexibler und bürgerorientierter gestalten können.

Key Facts

  • Künstliche Intelligenz (KI) hat das Potenzial, einen fundamentalen Beitrag für die Zukunftsfähigkeit der Systeme der sozialen Sicherung zu leisten
  • Dieses Potenzial kommt besonders zur Geltung, wenn sich Innovationsfreudigkeit, nationale KI-Strategien und unternehmerische Prinzipien verbinden
  • Dies zeigen verschieden ausgerichtete KI-Strategien im internationalen Vergleich

„Digitale Technologien und insbesondere KI haben eine disruptive Innovationskraft, die mit der historischen Bedeutung der Dampfmaschine vergleichbar ist“[1], schrieben Brynjolfsson und McAfee bereits 2014. Die US-amerikanischen Wissenschaftler argumentieren weiter, dass digitale Technologien – insbesondere KI – exponentiell leistungsfähiger werden, wodurch gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturen wesentlich schneller transformiert werden als Organisationen ihnen folgen können. Die Autoren betonen, dass KI nicht nur einzelne Tätigkeiten verändert, sondern ganze Institutionen, Branchen und Verwaltungsmodelle umgestaltet. Dadurch entstehen grundlegend neue Formen der Wertschöpfung, die bestehende Strukturen herausfordern.

Der vorliegende Artikel versucht Antworten auf diese Entwicklung aus der Perspektive von Singapur sowie der skandinavischen Länder zu geben, die sehr unterschiedliche strukturelle Strategien gefunden haben, die Potenziale von KI für die soziale Sicherung zu nutzen. Gemein ist ihnen allen, dass sie im Sinne Joseph Schumpeters einen disruptiven Rahmen zur Entfaltung der Potenziale von KI geschaffen haben, welcher die Sicherheit von Verwaltungsprinzipien mit der Innovationskraft marktorientierter Strukturen vereint. „Dieser Prozess (…)“, so schreibt Schumpeter, „(…) ist seiner Natur nach eine Form ökonomischen Wandels, die unaufhörlich die wirtschaftliche Struktur von innen heraus revolutioniert, unaufhörlich die alte zerstört und unaufhörlich eine neue schafft.“[2] Schumpeter sieht Innovation nicht als optionalen Luxus, sondern als zentralen Treiber für gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel. Damit lässt sich argumentieren: KI-Technologien sind nicht nur neue Tools, sondern – vorausgesetzt die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind entsprechend adjustiert – potenzielle Motoren für einen strukturellen Wandel im Sozialstaat.

Singapurs KI-Strategie für soziale Sicherung

Singapur gilt als ein Beispiel für die gezielte Nutzung staatlicher Strukturen zur Förderung von technologischer Innovation, insbesondere im Bereich der sozialen Sicherung beziehungsweise im Gesundheitsbereich. Cheang und Lim (2023) argumentieren, dass Singapurs institutionelles Gefüge – geprägt durch eine enge Verzahnung von Staat, Markt und gesellschaftlichen Akteuren – eine spezifische Variante des Kapitalismus darstellt, die stark auf staatlich gesteuerte Entwicklungsstrategien setzt.[3] Diese „institutionelle Vielfalt“ ermöglicht es dem Stadtstaat, technologische Fortschritte, wie den Einsatz von Künstlicher Intelligenz, systematisch in bestehende Sozial- und Governance-Strukturen zu integrieren. 

Vor diesem Hintergrund lässt sich der Erfolg Singapurs bei der Implementierung von KI in der sozialen Sicherung nicht isoliert betrachten, sondern muss in Verbindung mit seinen institutionellen Arrangements verstanden werden. Die Kombination aus zentraler Steuerung, flexiblen politischen Instrumenten und der Fähigkeit zur engen Kooperation zwischen staatlichen und privaten Akteuren schafft ein Umfeld, in dem KI-Anwendungen effizient entwickelt, getestet und skaliert werden können.

Eine zentrale Rolle spielt dabei die aktualisierte nationale KI-Strategie Singapurs – NAIS 2.0, die im Dezember 2023 offiziell vorgestellt wurde. Sie baut auf der ersten Version der Strategie aus 2019 auf, geht aber deutlich über punktuelle KI-Projekte hinaus und verfolgt einen systemischen, gesamtgesellschaftlichen Ansatz. Der zentrale Leitgedanke dieser Strategie ist die Schöpfung von „AI for the Public Good, for Singapore and the World“[4] – also KI als Mittel, um gesellschaftlichen Nutzen zu generieren und Singapur langfristig als global relevante KI-Nation zu etablieren. 

Dazu will Singapur gezielt „Spitzen“ im Bereich KI aufbauen und Kompetenzen und Forschungskapazitäten in ausgewählten KI-Bereichen fördern. Darüber hinaus sollen Gesellschaft, Individuen und Unternehmen mit KI vertraut gemacht werden, um KI kompetent, reflektiert und verantwortungsbewusst einsetzen zu können.

Singapur zeigt beispielhaft, wie institutionelle Rahmen­bedingungen den Einsatz von KI im sozialen Sektor entscheidend prägen können.

Um die Vision und Ziele umzusetzen, gliedert sich NAIS 2.0 in drei „Systems“, durch die insgesamt zehn „Enabler“ wirken, konkret umgesetzt mit etwa 15 definierten „Actions“. Die drei Systeme sind:

  1. Activity Drivers: Treiber für KI-Innovation und -Anwendung. Industrie, Regierung und Forschung sollen KI-Projekte gemeinsam vorantreiben.
  2. People & Communities: Fokus auf Talentaufbau, Ausbildung, Kompetenzen und gesellschaftliche Einbindung.
  3. Infrastructure & Environment: Bereitstellung von technischer Infrastruktur (zum Beispiel Rechenkapazitäten, Datenzugang) und Schaffung eines vertrauenswürdigen, verantwortungsbewussten Rahmens für KI (Governance, Datenschutz, Sicherheit).

Zu den konkreten Maßnahmen zählen beispielsweise der Aufbau von „Centres of Excellence“ für KI, die Förderung des Start-up-Ökosystems, der Ausbau des KI-Talentpools (mit dem Ziel, rund 15.000 KI-Fachkräfte zu erreichen), der Zugang zu Hochleistungsrechnern, die Förderung von KI-Einsatz im öffentlichen Sektor und die Nutzung öffentlicher Daten für gemeinwohlorientierte KI-Projekte. 

Damit bietet Singapur ein Beispiel dafür, wie institutionelle Rahmenbedingungen den Einsatz von Künstlicher Intelligenz im sozialen Sektor entscheidend prägen können.

So ist ein zentrales Beispiel für den Einsatz von KI im Gesundheitswesen Singapurs die KI-Lösung „Note Buddy“. Durch den Einsatz von generativer KI werden zeitaufwändige, repetitive Aufgaben wie das Verfassen von ärztlichen Briefen, die Dokumentation von Gesprächen mit Patientinnen und Patienten oder administrative Notizen automatisiert. Dies verschafft medizinischem Personal mehr Zeit für die direkte Versorgung der Menschen und entlastet vor allem bei bürokratischen Aufgaben. Die dadurch gewonnene Zeit kann für direkte Arbeit mit den Patientinnen und Patienten genutzt werden und führt zu Kostenreduktionen für das Gesundheitssystem Singapurs.

Laut aktuellen Berichten verwenden mehr als 2.100 Mitarbeitende im Gesundheitswesen Note Buddy; das System hat bereits über 16.000 klinische und administrative Notizen generiert. Die Regierung Singapurs hat erklärt, dass bis spätestens 2026 alle öffentlichen Gesundheitseinrichtungen vergleichbare KI-Tools einführen sollen. Zudem wird unter dem Namen „HealthHub AI“ eine zentrale Gesundheitsplattform etabliert werden, die künftig auch personalisierte Gesundheitsberatung bieten soll. 

Während in Deutschland der Fokus des Datenschutzes (zum Beispiel unter der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO)) tendenziell stark auf individueller Kontrolle und Restriktion liegt, zeigt Singapur, wie ein balancierter Ansatz – mit verpflichtender Datenteilung im Gesundheitswesen, aber klaren Sicherheits- und Zugriffsbeschränkungen (zum Beispiel mit dem Personal Data Protection Act (PDPA) oder dem National Electronic Health Record (NEHR)) – dazu beitragen kann, Versorgungslücken zu schließen, Doppeluntersuchungen zu vermeiden und die klinische Entscheidungsfindung zu verbessern, ohne die Privatsphäre vollständig aufzugeben.

Skandinavien als digitaler KI-Vorreiter 

Die skandinavischen Länder gelten international als Vorreiter bei der Digitalisierung des öffentlichen Sektors und setzen in zunehmendem Maße KI zur Effizienzsteigerung, Bürgerorientierung und Qualitätssicherung staatlicher Leistungen ein. Dabei verfolgt jedes Land eigene strategische Schwerpunkte, die jedoch durch gemeinsame Prinzipien wie Transparenz, Datenschutz, Interoperabilität und eine hohe Vertrauenskultur gegenüber der Nutzung von Daten und KI-basierten Lösungen gekennzeichnet sind.

So ist allen skandinavischen Ländern gemeinsam, dass sie umfangreiche ethische und rechtliche Rahmenwerke für den Einsatz von KI geschaffen haben – mit einem noch viel stärkeren Fokus auf ethischen Prinzipien als bei dem beschrieben Beispiel aus Singapur. Dazu zählen verpflichtende Folgenabschätzungen, Anforderungen an die Erklärbarkeit von Modellen sowie strikte Datenschutzstandards, die über rein technische Aspekte hinausgehen und den Schutz der Bürgerrechte in den Mittelpunkt stellen. Zudem investieren die Länder stark in offene Datenplattformen und Interoperabilitätsstandards, um die Entwicklung von KI-Anwendungen im öffentlichen Sektor systematisch zu ermöglichen. 

Standardisierte Daten- und Austauschplattformen 

Ein zentrales Fundament für den erfolgreichen Einsatz von KI in sozialen Sicherungssystemen und im Gesundheitswesen skandinavischer Länder liegt in der Existenz standardisierter, sicherer und interoperabler Daten- und Austauschplattformen.[5] Diese Plattformen ermöglichen den verlässlichen, datenschutzkonformen und systemübergreifenden Austausch von Gesundheits-, Sozial- und Verwaltungsdaten zwischen verschiedenen Behörden, Leistungserbringern und Dienstleistern. 

Eine Plattform wie X-Road erlaubt es, dass relevante Datenquellen miteinander verknüpft werden können. So lassen sich KI-basierte Vorhersagemodelle realistischer und wirkungsvoller entwickeln.

Ein besonders gutes Beispiel hierfür ist X-Road. Die Plattform funktioniert sowohl in Estland als auch in Finnland als „Data Exchange Layer“: eine dezentral verwaltete Middleware, über die unterschiedliche Informationssysteme auf standardisierte Weise miteinander kommunizieren können. Dabei werden Daten verschlüsselt übertragen, Zugriffe authentifiziert und protokolliert, was Integrität, Vertraulichkeit und Nachvollziehbarkeit garantiert. 

Architekturen wie diese erleichtern in Skandinavien nicht nur den reinen Datenaustausch, sondern schaffen auch eine solide Grundlage für KI-gestützte Anwendungen. Denn KI-Modelle, etwa zur Vorhersage von Pflegebedarf, Risikoanalysen im Sozialwesen oder personalisierter Gesundheitsversorgung, benötigen große, konsolidierte und aktuelle Datensätze – mit Informationen zu Demografie, Versicherungsstatus, Gesundheits- und Pflegedaten.

Eine Plattform wie X-Road erlaubt es, dass relevante Datenquellen (zum Beispiel Bevölkerungsregister, Sozialversicherungsträger, Gesundheitsämter, Pflegeanbietende) miteinander verknüpft werden können, ohne redundante Datenhaltung oder unsichere Schnittstellen. Dank dieser Datenintegration lassen sich KI-basierte Vorhersagemodelle realistischer und wirkungsvoller entwickeln. Beispielsweise kann eine Kommune oder Sozialversicherung Behördendaten, Pflegedaten und demografische Informationen kombinieren, um den zukünftigen Pflegebedarf vorherzusagen – und entsprechend früh Kapazitäten wie Heimplätze, ambulante Dienste oder Pflegepersonal ausbauen. Wenn Daten über X-Road permanent aktualisiert und abrufbar sind, erhöht das zudem die Aktualität und Genauigkeit solcher Prognosen und reduziert administrative Verzögerungen.

Darüber hinaus ermöglicht eine Plattform wie X-Road – durch ihre standardisierte, offene und interoperable Architektur – eine relativ einfache Skalierung und Erweiterung der KI-Anwendungen: Neue Services, Analysen oder Cross-Sector-Anwendungen (beispielsweise zwischen Gesundheit, Sozialversicherung und öffentlicher Verwaltung) können angeschlossen werden, ohne jede Schnittstelle neu entwickeln zu müssen. Das senkt Entwicklungskosten und fördert Innovation.

Datenschutz, Sicherheit und Transparenz sind eingebaut, Zugriff und Nutzung werden protokolliert – das verstärkt in Ländern mit hohem Vertrauen gegenüber öffentlichen Institutionen wie in jenen Skandinaviens wiederum die Akzeptanz für datengetriebene KI-Services.

KI-basierte Anwendungen in Dänemark

Dänemark zählt zu den international führenden Ländern bei der Implementierung datengetriebener Verwaltungsmodernisierung und dem gezielten Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Bereich der sozialen Sicherung.[6] In dänischen Sozialbehörden werden KI-basierte Anwendungen zunehmend eingesetzt, um Entscheidungsprozesse zu unterstützen, Risiken frühzeitig zu erkennen und Ressourcen effizienter zu verteilen. 

Die Nutzung solcher Technologien wird durch eine hochgradig integrierte digitale Infrastruktur, einschließlich nationaler Register und interoperabler Datenzugangssysteme, strukturell ermöglicht. Gleichzeitig gewährleisten umfassende Governance-Rahmen, ethische Leitlinien und Transparenzpflichten, dass Innovationen im Einklang mit den Prinzipien des Wohlfahrtsstaates – Fairness, Rechenschaftspflicht und Schutz der Bürgerrechte – implementiert werden. 

Dieses Zusammenspiel von technologischem Fortschritt und politisch-institutioneller Steuerung positioniert Dänemarks Strategie als ein Vorzeigemodell für die verantwortungsvolle Integration von KI in soziale Sicherungssysteme. Beispielsweise hat Dänemark früh begonnen, KI in Verwaltungsprozessen zu erproben, insbesondere zur Automatisierung wiederkehrender Aufgaben. Ein häufig zitiertes Beispiel ist der Einsatz von Machine-Learning-Systemen in Kommunalverwaltungen zur Bearbeitung von Sozialleistungsfällen. Hier dienen KI-Modelle dazu, Dokumente zu klassifizieren, relevante Informationen aus Anträgen zu extrahieren und Mitarbeitende bei der Erstbewertung zu unterstützen. Ziel ist die Reduktion administrativer Belastungen und die Beschleunigung des Verfahrens.

Besonders bemerkenswert ist auch das Ambitionslevel, KI-basierte „world-class public services“ für einen modernen Wohlfahrtsstaat zu entwickeln, wie dies bereits 2019 in der Danish National Strategy for Artificial Intelligence der dänischen Regierung zum Ausdruck kommt[7]. Dabei strebt Dänemark eine aktive Rolle in der europäischen und globalen KI-Governance an. Die Strategie betont daher auch Kooperationen mit Institutionen wie der Europäischen Union und der OECD, um gemeinsame Standards und ethische Rahmenbedingungen für den Einsatz von KI in der sozialen Sicherung zu fördern.

Automatisierte Bearbeitung in Schweden

Schweden setzt KI vor allem als Entscheidungsunterstützungssystem in Behörden ein. Ein prominentes Beispiel liefert die schwedische Steuerverwaltung, die seit mehreren Jahren Machine-Learning-Modelle verwendet, um Unregelmäßigkeiten und potenziellen Steuerbetrug zu identifizieren. Die Modelle analysieren große Mengen historischer Daten, um Muster zu erkennen, die auf risikobehaftete Fälle hindeuten könnten. Die finale Entscheidung liegt jedoch stets bei menschlichen Sachbearbeitenden, was im Einklang mit Schwedens starker Betonung auf Transparenz und Nachvollziehbarkeit steht.

Auch die Arbeitsverwaltung setzt KI ein, etwa zur automatisierten Analyse von Stellenanzeigen und zur Erstellung von Kompetenzprofilen, um Arbeitssuchende mit passenden Beschäftigungsmöglichkeiten zu matchen. Zudem setzt die schwedische Sozialversicherungsbehörde KI-gestützte Systeme ein, um Anträge auf Sozialleistungen wie Arbeitslosen- oder Krankengeld zu prüfen. KI-Algorithmen analysieren eingehende Anträge auf Vollständigkeit, erkennen Muster typischer Dokumente und unterstützen Mitarbeitende bei der schnellen Identifikation von fehlerhaften oder unvollständigen Angaben. Dadurch konnten Bearbeitungszeiten deutlich reduziert und die Effizienz der Behörden gesteigert werden, während gleichzeitig menschliche Kontrolle weiterhin für die endgültige Entscheidung sorgt.

Der größten norwegischen Rentenorga­nisation ist ­ es gelungen, papierbasierte Prozesslaufzeiten von oftmals mehreren Monaten auf Sekunden zu reduzieren.

Eine zentrale Rolle spielt dabei das 2019 gegründet Nationale Zentrum AI Sweden mit Sitz in Götebörg. Es dient als zentrale Plattform für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der schwedischen öffentlichen Verwaltung. Es bündelt Ressourcen, Daten und Fachwissen, um gemeinsame KI-Lösungen zu entwickeln, die über einzelne Behörden hinaus genutzt werden können. Durch Initiativen wie den digitalen Assistenten für Kommunen und das Netzwerk für den öffentlichen Sektor fördert AI Sweden nicht nur Effizienz und Qualität in Verwaltungsprozessen, sondern ermöglicht auch eine koordinierte, strategische Einführung von KI, die Bürgerinnen und Bürger direkt unterstützt.

KI-basierte Kundenprozesse in Norwegen

Norwegen konzentriert sich besonders auf KI-gestützte digitale Bürgerdienste, häufig integriert in die nationale Plattform Altinn. Ein Beispiel hierfür ist der Einsatz von KI-basierten Chatbots in verschiedenen Behörden, etwa bei der Steuerbehörde oder dem norwegischen Arbeits- und Sozialamt. Diese Systeme beantworten Anfragen von Bürgerinnen und Bürgern automatisiert, erkennen Anliegen semantisch und leiten komplexere Fälle an menschliche Mitarbeitende weiter. Im Gesundheitswesen werden KI-Systeme darüber hinaus zur Priorisierung von Krankenakten und zur Unterstützung bei Diagnosen in der Radiologie eingesetzt, wobei große nationale Gesundheitsdatensätze eine besonders wertvolle Grundlage bilden. 

Ein weiteres Beispiel ist der Einsatz von KI bei der größten norwegischen Rentenorganisation (KLP). Im Rahmen einer grundlegenden digitalen Transformation ist es KLP gelungen, papierbasierte Prozesslaufzeiten von oftmals mehreren Monaten auf die automatisierte Bearbeitung von Anliegen in Sekunden zu reduzieren, wobei eine Vielzahl von kundenrelevanten Prozessen mittlerweile mit KI unterstützt wird. Dies wird auch durch den Pension-Calculator für individuelle Rentenplanung unterstrichen. Mit diesem Tool hat KLP einen digitalen Rentenrechner eingeführt, der es Mitgliedern erlaubt, anhand verschiedener Parameter (zum Beispiel Erwerbsdauer, Rentenbeginn, Kombination von Arbeit und Pension) und mit Unterstützung von Künstlicher Intelligenz die finanziellen Konsequenzen eigener Entscheidungen zu simulieren. 

Auch für die besondere Leistungsfähigkeit des skandinavischen Systems der sozialen Sicherung ist das Organisationsmodell der KLP neben der konsequenten, strategisch motivierten digitalen Transformation ein besonders gutes Beispiel. Denn die KLP stellt ein hybrides Organisationsmodell dar, in dem öffentliche Verantwortung und privatwirtschaftliche Effizienzmechanismen miteinander verzahnt werden. 

Als Rentenversicherer im Besitz norwegischer Kommunen und öffentlicher Einrichtungen agiert KLP zwar in staatlicher Trägerschaft, unterliegt jedoch zugleich einer marktwirtschaftlich orientierten Unternehmensführung, die Wettbewerb, Innovation und Effizienzsteigerung fördert. Dies zeichnet sich durch vier zentrale Faktoren aus:

  1. Staatliche Stabilität und privatwirtschaftliche Effizienz: Die kommunale Eigentümerschaft garantiert langfristige finanzielle Stabilität, politische Kontinuität und Vertrauen. Zugleich operiert KLP wie ein professionelles Finanzunternehmen, das seine Kapitalanlagen marktorientiert diversifiziert, Risiken aktiv managt und die Erträge optimiert. Die Kombination aus öffentlicher Sicherheit und privatwirtschaftlichem Risikomanagement führt zu robusten, stabilen Pensionsleistungen, die weniger anfällig für politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Schwankungen sind, welches das norwegische Rentensystem zu einem der erfolgreichsten der Welt macht.[8] 
  2. Gemeinwohlorientierung und Innovationsfähigkeit: KLP verfolgt keine Gewinnmaximierung zugunsten externer Anteilseigner, stattdessen fließen Effizienzgewinne und Investitionserträge direkt an die Mitglieder – die Kommunen – zurück. Gleichzeitig ermöglicht die unternehmerische Struktur die Implementierung moderner Technologien wie Automatisierung, KI-gestützte Entscheidungsunterstützung oder digitale Self-Service-Tools, wodurch Servicequalität und Kostenstruktur verbessert werden. 
  3. Wettbewerb als Qualitätstreiber: Obwohl KLP öffentlich getragen wird, konkurriert es im norwegischen Markt mit privaten Pensionsanbietern. Dieser Wettbewerb zwingt KLP, kontinuierlich Effizienz, Kundenzufriedenheit und digitale Dienstleistungen zu verbessern – bei gleichzeitig stark regulierten sozialen Mindeststandards. Der Wettbewerb sorgt somit für höhere Qualität, ohne dass die soziale Grundsicherung privatisiert wird.
  4. Transparenz und partizipative Governance: Als öffentliches Unternehmen ist KLP verpflichtet, offen über seine Finanzstrategien und Risikomodelle zu berichten. Die Eigentumsstruktur stellt sicher, dass die Kommunen und damit die Bürgerinnen und Bürger Norwegens Einflussmöglichkeiten auf die Geschäftsentwicklung haben.

Fazit

Zusammengenommen unterstreichen diese Beispiele, dass KI nicht nur technologische Innovation bedeutet, sondern ein zentraler Hebel ist, um soziale Sicherung flexibel, effizient und zukunftsfähig zu gestalten. So zeigt das Beispiel der norwegischen KLP mit ihrem leistungsfähigen Hybridmodell, wie sich öffentliche Verantwortung und privatwirtschaftliche Innovationslogik zu einem leistungsstarken, resilienten und serviceorientierten Rentensystem verbinden lassen.

Eine der zentralen und besonders spannenden Fragen der Zukunft wird sein, welche innovativen Strategien, organisationalen Strukturen und prozessualen Anpassungen sich aus den in diesem Artikel skizzierten Entwicklungen für die Systeme der sozialen Sicherung in Deutschland ergeben werden und wie diese zur Flexibilisierung, Effizienzsteigerung und zukunftsorientierten Gestaltung der Leistungen beitragen können. Vor diesem Hintergrund liegt es nahe, den Austausch und die Kooperation mit Ländern wie Norwegen bis hin zur Schaffung gemeinsamer Kooperationsstrukturen zu intensivieren, um die dabei gewonnenen Erkenntnisse für die deutsche Praxis nutzbar zu machen.

Quellen

  • Brynjolfsson, E. / McAfee, A.: The Second Machine Age: Work, Progress, and Prosperity in a Time of Brilliant Technologies. New York 2014
  • Cheang, B., & Lim, H.: Institutional diversity and state led development: Singapore as a unique variety of capitalism. Structural Change and Economic Dynamics, 2023, 67, 182–192
  • Kommunal Landspensjonskasse (KLP). (2024). KLP Annual Report 2024. Oslo
  • Laage-Thomsen, J.; Ratner, H. F.; Schrøder, I.: The beginning of AI-driven welfare? An inquiry into how public sector AI experiments shape the Danish welfare state, in: Røhl, U. et al (Hrsg.): Digitalization, Data and Welfare: Sociotechnical Approaches to Service Delivery. Cheltenham/New York 2025
  • Mercer & CFA Institute. (2025). Global Pension Index 2025: Main report. New York
  • Schumpeter, Joseph A.: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. München 1972
  • Smart Nation Singapore; Ministry of Communications and Information: Singapore National AI Strategy 2.0 – AI for the Public Good, for Singapore and the World. Singapore 2023
  • The Danish Government: National Strategy for Artificial Intelligence. Copenhagen 2019
  • Vad, K.H. et al.: Secondary use of health data in Nordic co-operation – Value from Nordic health data. Helsinki 2024
  • Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft: Grundriss der verstehenden Soziologie. Tübingen 1972
  • Yew, Lee K.: The Wit and Wisdom of Lee Kuan Yew. Singapore 2013

Fußnoten

  1. Brynjolfsson, E. / McAfee, A.: The Second Machine Age: Work, Progress, and Prosperity in a Time of Brilliant Technologies. New York 2014, S.9

  2. Schumpeter, Joseph A.: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. München 1972, S. 134

  3. Cheang, B., & Lim, H.: Institutional diversity and state led development: Singapore as a unique variety of capitalism. Structural Change and Economic Dynamics, 2023, 67, 182–192

  4. for the Public Good, for Singapore and the World. Singapore 2023

  5. Vad, K.H. et al.: Secondary use of health data in Nordic co-operation – Value from Nordic health data. Helsinki 2024

  6. Laage-Thomsen, Jakob; Ratner, Helene Friis; Schrøder, Ida: The beginning of AI-driven welfare? An inquiry into how public sector AI experiments shape the Danish welfare state, in: Digitalization, Data and Welfare: Sociotechnical Approaches to Service Delivery, hrsg. v. U. Røhl et al., Cheltenham/New York 2025, S. 38–56

  7. The Danish Government: National Strategy for Artificial Intelligence. Copenhagen 2019, S. 8ff

  8. Mercer & CFA Institute: Global Pension Index 2025: Main report. New York 2025

Weitere Artikel zu diesem Thema

Prävention
Künstliche Intelligenz im Arbeitsschutz: Chancen und Herausforderungen
Künstliche Intelligenz (KI) verändert die Arbeitswelt in rasantem Tempo. Für die Arbeitsschutzakteurinnen und -akteure entstehen neue Chancen für Prävention und Arbeitsschutz – aber auch ­Risiken, die ein vorausschauendes und menschenzentriertes Handeln erfordern.
Ulrich Zilz   •  Ausgabe 1/2026
lesen
Change
Industrial Security: Neue Regeln als Chance für Europas Unternehmen
Neue Regelwerke zu Security beschäftigen Unternehmen in Europa. Vor ihnen muss sich kein Unternehmen, wohl aber böswillige Hacker fürchten. Sie stärken Europa und schützen jedes einzelne Unternehmen. Entscheidend ist nun, die ersten Schritte anzugehen, die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) gibt dazu Hilfestellung.
Jonas Stein   •  Ausgabe 1/2026
lesen
Recht
Keine Haftungsprivilegien nach §§ 104 ff. SGB VII bei Werkverträgen
Haftungsprivilegien außerhalb der Arbeitnehmerüberlassung gegenüber leiharbeitsähnlichen Dienst- und Werkvertragsmitarbeitenden gibt es im System der §§ 104 ff. SGB VII nicht. Selbst ein gewisser Organisationsgrad genügt nicht per se für die Annahme einer gemeinsamen Betriebsstätte.
Dr. Jerom Konradi   •  Ausgabe 1/2026
lesen

Wie gefällt Ihnen die DGUV forum? Haben Sie Vorschläge für Verbesserungen?

Äußerst unzufrieden
Äußerst zufrieden