„Ich möchte, dass wir als Stabilitätsanker wahrgenommen werden“
Seit 1. September 2025 ist Dr. Stephan Fasshauer Hauptgeschäftsführer des Spitzenverbandes der Berufsgenossenschaften und Unfallkassen, Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV). Mit Blick auf das neue Jahr sprach DGUV forum mit ihm über anstehende Herausforderungen im Arbeitsschutz und in der digitalen Transformation.

Herr Dr. Fasshauer, Sie waren lange Zeit Mitglied im Direktorium der Deutschen Rentenversicherung Bund. Was hat dazu geführt, dass Sie Ihr Herz für die gesetzliche Unfallversicherung entdeckt haben?
Also mein Herz für die Unfallversicherung habe ich nicht neu entdeckt. Schließlich gehöre ich bekanntermaßen seit vielen Jahren mit Leib und Seele zur großen Familie der Sozialversicherung.
Die Unfallversicherung ist mir daher seit jeher als ein besonderer Sozialversicherungszweig bewusst: Hier kommt alles aus einer Hand mit Prävention, Rehabilitation und Entschädigung unter einem Dach und zugleich von der wissenschaftlichen Forschung in den Instituten bis zur Leistungsgewährung. Mit dem gelebten Ansatz „Prävention vor Rente vor Entschädigung“ ist sie trotz ihres stattlichen Alters überaus fortschrittlich.
Hier Verantwortung zu übernehmen, auch in sozialpolitisch dynamischen Zeiten und in der Öffentlichkeit für die Unfallversicherung als ein Kernelement unserer sozialen Sicherung zu stehen und einzustehen – das reizte mich sofort.
In den vergangenen 15 Jahren ist das Kernanliegen der Unfallversicherung, die Prävention, Mainstream geworden. Der Fachkräftemangel hat Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit zum Selbstläufer gemacht. Die Pandemie hat die Relevanz von Prävention ebenfalls unterstrichen. Jetzt scheint sich der Wind zu drehen. Der Grund dafür ist die wirtschaftliche Lage, das fehlende Wachstum. Die Bundesregierung will daher vieles auf den Prüfstand stellen, vieles verändern. Dabei wird inzwischen auch sehr offensiv über den Arbeitsschutz gesprochen. Kommt der Zuspruch zur Prävention und zu den Aktivitäten der Unfallversicherung gerade ans Ende?
Bevor ich Ihre Frage beantworte, ist es mir wichtig, zwei Dinge festzuhalten: Erstens, in der Pandemie hat sich die Unfallversicherung um dieses Land verdient gemacht. Ohne die Unfallversicherung und ihren Einsatz für den Gesundheitsschutz – von Masken bis hin zu branchenspezifischen Arbeitsschutzstandards – wären wir in Deutschland niemals so gut durch die Pandemie gekommen.
Zweitens, Prävention ist ein elementarer Bestandteil für die Fachkräftesicherung. Das war in der Vergangenheit wichtig und das wird in der Zukunft noch wichtiger sein, weil der Fachkräftemangel sich noch verstärken wird.
Aber die Welt ist im Wandel – das macht natürlich auch vor uns nicht Halt. Dass wir den bereits eingeschlagenen Modernisierungsweg konsequent weiterverfolgen müssen, steht für mich außer Frage. Jedes System, das (zu) starr wird, bricht. Wir müssen am Puls der Zeit bleiben, das gilt auch für die sich verändernden Rahmenbedingungen. Dann wird der Zuspruch wieder steigen.
Welche Rahmenbedingungen sind das?
Ich meine damit beispielsweise den demografischen Wandel, aber auch die veränderten Sicherheitslagen weltweit. Es passiert gerade unglaublich viel, was noch vor wenigen Jahren unvorstellbar war – gesellschaftlich, politisch, wirtschaftlich. Hinzu kommen Digitalisierung und KI. Es ist unser Gestaltungsauftrag, dass wir solche Entwicklungen aufnehmen und diese Veränderungen aktiv aufgreifen.
In den vergangenen Wochen konnte man eher den Eindruck gewinnen, dass andere die Gestaltung übernehmen. Das Bundesarbeitsministerium hat beispielsweise angekündigt, die Zahl der Sicherheitsbeauftragten um insgesamt 123.000 verringern zu wollen. Was sagen Sie dazu?
Ich finde es völlig legitim, ja teils sogar notwendig, dass die Politik Strukturen hinterfragt – das ist auch ihr Auftrag. Was wichtig ist: den Sinn und Zweck von Arbeitsschutz, und damit auch den Wert der Sicherheitsbeauftragten, weiter im Blick zu behalten und verantwortungsvoll – miteinander – den Arbeitsschutz weiterzuentwickeln. Deshalb sind zentrale Fragen für mich: Wie schaffen wir es, unser Schutzniveau zu halten? Wie schaffen wir es, unsere Präventionsleistungen so gut und zielgenau in die Betriebe zu bekommen, dass sie optimale Wirkung entfalten? Diese Fragen müssen meiner Meinung nach im Mittelpunkt stehen – damit die Beschäftigten sicher und gesund bleiben.
Mit dem Ringen um die richtigen Antworten genau auf diese Fragen schafft man eine belastbare Basis für echte Weiterentwicklung im Arbeitsschutz; konkrete Zahlen sind dann das Ergebnis und nicht eine Rahmenbedingung.
Wie kann solch eine belastbare Basis aussehen?
Wir haben in den vergangenen Jahren die gute Erfahrung gemacht, dass Veränderung im Zusammenspiel von Selbstverwaltung und Politik gelebt wird. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an das Weißbuch zur Weiterentwicklung des Berufskrankheitenrechts: Ein tragfähiger Konsens zwischen den Sozialpartnern hat die Grundlage für politische Gestaltung geschaffen.
Von daher werden wir zu den aktuellen Fragen des Arbeitsschutzes weiter diskutieren müssen. Klar ist: Ohne uns geht es nicht.
Manche werfen der Unfallversicherung dennoch vor, zu träge auf Veränderungsbedarf zu reagieren. Was entgegnen Sie solcher Kritik?
Dass wir bei der Unfallversicherung unseren eigenen Gestaltungswillen gerade unter Beweis stellen, indem wir uns für die Überarbeitung der DGUV Vorschrift 1 einen sehr ambitionierten Zeitplan gegeben haben…
Die Vorschrift regelt die Grundsätze der Prävention wie Verantwortung des Arbeitgebers, die Pflichten der Versicherten und beispielsweise die Bestellung der Sicherheitsbeauftragten…
Das zeigt: Wir sind aus eigenem Antrieb am Puls der Zeit. Wir haben von uns aus das Signal nach außen gegeben: Wir sehen den Handlungsbedarf – und wir packen an: aus eigener Verantwortung und auf unserem Fundament der Selbstverwaltung.
Wie sieht Ihr Zeitplan aus?
Wir wollen die Neufassung im nächsten Jahr in der zweiten Jahreshälfte in der Mitgliederversammlung verabschieden.
Wir sind aus eigenem Antrieb am Puls der Zeit. Wir haben von uns aus das Signal nach außen gegeben: Wir sehen den Handlungsbedarf – und wir packen an: aus eigener Verantwortung und auf unserem Fundament der Selbstverwaltung.
Dr. Stephan Fasshauer
Geht so etwas nicht schneller?
Der Wunsch ist verständlich, aber der Zeitplan ist bereits sehr ambitioniert. Denn man muss auch sehen, dass eine Veränderung der DGUV Vorschrift 1 ein Prozess ist, in den neben den Sozialpartnern beispielsweise auch die Länder und das BMAS einbezogen werden.
Haben Sie angesichts des Drucks, den viele machen, manchmal auch die Sorge, dass vielleicht etwas über Bord geht, was nicht über Bord gehen sollte?
Das ist in der Tat eine Sorge. Umso wichtiger ist mir, dass die Gestaltungshoheit in diesem Prozess bei uns liegt. Dass wir selbst unseren Gestaltungswillen zeigen und selbst gestalten und „das große Ganze“ und den Wert unseres Systems im Auge behalten.
Jenseits der sehr konkreten DGUV Vorschrift 1: Was wäre aus Ihrer Sicht wichtig für eine bessere Regulierung im Arbeitsschutz?
Unser Ziel muss es sein, nah am Leben und den Bedürfnissen derer zu sein, die für die Sicherheit und die Gesundheit ihrer Beschäftigten in den Betrieben ganz unmittelbar die Verantwortung tragen.
Das müssen Sie erklären.
Wenn man auf die Gesamtheit des Vorschriften- und Regelwerks schaut, dann ist das enorm – rechtverbindliche Vorschriften, darüber hinaus konkretisierende Regeln und Informationen. Auf den ersten Blick mag das erschlagend wirken.
Im Kern aber geht es hier um Unterstützung. Deshalb muss es unser Ziel sein, dass Arbeitgeber ganz unmittelbar nur noch die Vorschriften angezeigt bekommen, die auch wirklich benötigt werden. Die technologische Innovation, insbesondere KI, bietet hier enormes Potenzial.
Das stellt übrigens ChatGPT bereits unter Beweis: Auf die Frage „Wie viele Vorschriften brauchen Sie, wenn Sie einen Metzgerladen aufmachen?“ lautet die Antwort: „Sie haben drei Vorschriften, die Sie anwenden müssen, und beim Rest haben Sie Ermessensspielraum.“ Das ist ein völlig anderes Signal als der Blick in eine umfangreiche Datenbank mit zahlreichen pdf-Dokumenten.
Heißt, ChatGPT macht in Zukunft den Job der Prävention?
ChatGPT hat nicht die Qualität, wie wir es uns vorstellen, aber von der Grundrichtung her ist es genau das, was wir als Unterstützung leisten und liefern müssen. Und dann ist die reine Anzahl der Vorschriften und Regeln gar nicht mehr relevant oder gar überfordernd. Prävention wird so noch einmal viel adressatengerechter aufgestellt.
Die Arbeit dahinter bleibt allerdings natürlich in der Zuständigkeit der Unfallversicherung. Und diese fußt auf fundierter wissenschaftlicher Erkenntnis.
ChatGPT hat nicht die Qualität, wie wir es uns vorstellen, aber von der Grundrichtung her ist es genau das, was wir als Unterstützung leisten und liefern müssen.
Dr. Stephan Fasshauer
Wir haben jetzt viel über Prävention gesprochen. Wo sehen Sie noch Herausforderungen oder auch Chancen für die Digitalisierung?
Im Prinzip hat Digitalisierung oder die digitale Transformation drei wichtige Elemente:
Die erste wichtige Komponente ist, dass unsere Versicherten, unsere Kundinnen und Kunden, unsere Arbeitgeber und auch die Leistungserbringer entlastet werden.
Zweitens muss Digitalisierung auch für uns, in der gesamten Unfallversicherung, zu einer Entlastung führen. Ich denke hier vor allem an die Fachkräfte in der Rehabilitation und Aufsichtspersonen in der Prävention, die durch den Wegfall von Verwaltungsaufgaben mehr Zeit für die Versicherten bzw. die Unternehmer haben.
Und last but not least dürfen wir nie vergessen: Der Mensch steht im Mittelpunkt. Die digitale Transformation ist für den Menschen da – daran muss sich alles ausrichten.
Das klingt eigentlich recht einfach.
Das stimmt und geht trotzdem oft genug schief. Ich kenne genug digitale Vorhaben, die letztlich zu einer Mehrbelastung geführt haben. Da muss man manchmal hart sein und sagen: „Nein, das ist nicht der richtige Weg“, auch wenn es mühsam ist, bereits eingeschlagene Wege auf den Prüfstand zu stellen.
Möglicherweise steht hinter Ängsten vor der digitalen Transformation ja die sehr konkrete Sorge um den eigenen Arbeitsplatz. Wird die Digitalisierung dazu führen, dass wir weniger Personal brauchen?
Sie muss es sogar. Wir werden mit Blick auf die Demografie gar nicht mehr die Fachkräfte bekommen, die wir sonst bräuchten. Das heißt, die Digitalisierung muss Produktivitätssteigerungen erzielen. Auch Künstliche Intelligenz muss zu Produktivitätssprüngen führen.
Wichtig ist, dass wir es sind, die die KI gestalten und steuern und nicht umgekehrt. KI soll und kann Verfahrenswege und Entscheidungsprozesse beschleunigen, aber sie darf nicht die Entscheidung treffen. Allein diese Unterstützungsleistung aber kann große Produktivitätsgewinne generieren.
Wichtig ist, dass wir es sind, die die KI gestalten und steuern und nicht umgekehrt. KI soll und kann Verfahrenswege und Entscheidungsprozesse beschleunigen, aber sie darf nicht die Entscheidung treffen.
Dr. Stephan Fasshauer
Ist das so?
Ja. Wir haben viele Anwendungen, zum Beispiel bei Regress, wo wir eine sehr gute Datengrundlage haben. Wenn wir in einem geschlossenen Datensystem arbeiten, für das wir selbst die Algorithmen entwickeln, so dass wir nach entsprechenden Prüfverfahren mit gutem Gewissen sagen können „da muss ich nicht mehr nachprüfen“, dann können Ressourcen an anderer Stelle effizienter eingesetzt werden. Dafür müssen wir aber unser sogenanntes „Mindset“ noch weiter verändern als bisher.
Warum?
Die gesetzliche Unfallversicherung ist im Kern eine Dateninstitution. Wir produzieren keine Schrauben, wir produzieren keine Tische, keine Handys. Was wir machen: Wir arbeiten mit Daten. Dieses Daten-Gut müssen wir noch besser gemeinsam verarbeiten. Was wir dafür brauchen, ist eine Datenstrategie. Eine solche Strategie wird immer relevanter vor dem Hintergrund der rechtlichen Veränderungen, insbesondere auf europäischer Ebene – wie dem europäischen Datenraum.
Manchen Menschen macht diese Entwicklung eher Sorge. Immerhin birgt die Digitalisierung auch Risiken.
Das muss man ernst nehmen. Extrem wichtig im Rahmen der Digitalisierung ist natürlich auch der Schutz der Daten. Damit meine ich nicht nur den Datenschutz, sondern ich meine auch insbesondere den Schutz unserer IT-Systeme und den physischen Schutz unserer Gebäude und aller Mitarbeiter. Das wird auf jeden Fall im Jahr 2026 ein ganz wichtiges Thema für die Unfallversicherung werden.
Abseits der Digitalisierung: Wo, würden Sie sagen, liegen noch Herausforderungen für die gesetzliche Unfallversicherung?
Über die demografische Entwicklung und die digitale Transformation haben wir schon gesprochen. Was noch relevant wird: Wir haben die Herausforderung, deutlich zu machen, was die Unfallversicherung zur Stabilität der sozialen Sicherheit, der Wirtschaft und damit der Gesellschaft, beiträgt. Ich finde, das ist eine wichtige Aufgabe, gerade auch im politischen Raum. Ich möchte, dass wir als ein Stabilitätsanker wahrgenommen werden. Und damit auch unseren Beitrag leisten zum gesellschaftlichen Zusammenhalt und zur Demokratiestärkung.
Was meinen Sie damit?
Jedes funktionierende soziale Sicherungssystem trägt aus meiner Sicht zum Schutz der Demokratie bei. Auch weil wir selbstverwaltet sind, weil wir eine demokratische Struktur haben. Gerade in einem Zweig der Sozialversicherung, der so viele Ermessensspielräume hat wie die Unfallversicherung, hat die Selbstverwaltung natürlich einen besonderen Stellenwert. Sie ist nicht nur ein Schutz gegen politische Einflussnahme, sondern zugleich auch eine Chance, das System so auszugestalten, wie es einer modernen Institution gut zu Gesicht steht.
Auch im Zusammenspiel mit den anderen Zweigen der Sozialversicherung?
Unbedingt. Als Sozialversicherungen stehen wir alle vor den gleichen rechtlichen Rahmenbedingungen. Der Sozialdatenschutz ist überall gleich, die Sicherheitslagen sind überall gleich. Da macht es keinen Sinn, dass ein Zweig alleine losgeht und nicht kooperiert. Deswegen finde ich es unglaublich wichtig, dass wir gemeinsam unsere Positionen vertreten: zum Beispiel in der Sozialstaatsreformkommission, zur Steuer-ID, die wir alle brauchen. Oder dass wir gemeinsam in der Cloud unterwegs sind. Die Kooperation muss noch stärker, enger und offener werden. Das ist für die gesamte Sozialversicherung absolut notwendig.