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Ausgabe 4/2026

Krisenkommunikation und Arbeitsschutz am Beispiel der Ukraine

Der Beitrag zeigt, wie sich die Krisenkommunikation verändert, wenn eine Notlage lange anhält und wie sie auch unter unsicheren Bedingungen Menschenleben schützen kann.

Key Facts

  • Krisenkommunikation braucht vorbereitete Zuständigkeiten, Ersatzkanäle und klare Abläufe
  • In langanhaltenden Notlagen wird Krisenkommunikation zum Teil des Arbeitsalltags
  • Digitale Anwendungen unterstützen Warnung, Orientierung und schnelle Rückmeldungen
  • Vision Zero lässt sich auch auf Notlagen übertragen: Menschenleben unter dynamischen und unsicheren Bedingungen bestmöglich zu schützen

Notfallsituationen verändern nicht nur Gefährdungen, sondern auch die Bedingungen, unter denen Menschen Informationen aufnehmen und Entscheidungen treffen. In akuten Phasen müssen Beschäftigte, Führungskräfte, Einsatzkräfte und öffentliche Stellen häufig innerhalb weniger Minuten handeln. Gleichzeitig können Stromversorgung, Verkehrswege, digitale Netze oder gewohnte Meldewege eingeschränkt sein. Arbeitsschutz wird damit auch zu einer Frage der Kommunikation.

Schutzmaßnahmen wirken nur, wenn sie rechtzeitig, verständlich und glaubwürdig vermittelt werden. Für Unternehmen bedeutet das: Kommunikation ist kein Zusatz zur Gefährdungsbeurteilung, sondern Teil von Führung, Prävention und betrieblicher Resilienz.

Die Erfahrungen aus der Ukraine zeigen: In langanhaltenden Notlagen wird Krisenkommunikation Teil des Arbeitsalltags. Organisationen müssen dauerhaft informieren, priorisieren und Rückmeldungen einholen. Das gilt auch für andere langanhaltende Krisenlagen.

Vom Alarm zur Handlung

Gute Krisenkommunikation muss aus Warnungen konkrete Handlungen ableiten. Prävention entsteht erst, wenn daraus ein klarer Ablauf folgt: Tätigkeit unterbrechen, Energiequellen sichern, sichere Bereiche aufsuchen und prüfen, ob alle Personen erreicht wurden.

Für die betriebliche Praxis ist deshalb eine einfache Vier-Schritt-Formel hilfreich:

  • Was ist bekannt?
  • Was bedeutet das für die Arbeit?
  • Was ist jetzt zu tun?
  • Wo gibt es weitere verlässliche Informationen?

Ein Beispiel ist die Nutzung regionaler Warn-Apps in der Ukraine.[1] Eine Warnmeldung sollte im Betrieb mit vorab festgelegten Regeln verbunden sein. Auf Baustellen kann eine Warnung bedeuten: Arbeiten stoppen, Maschinen sichern und sichere Bereiche aufsuchen.

Quellen prüfen, Unsicherheit nennen

Vertrauen entsteht durch transparente Kommunikation. Unter dynamischen Bedingungen bleiben Lagebilder oft unvollständig. Teilweise werden Orte von Ereignissen aus Sicherheitsgründen bewusst nicht veröffentlicht. Gleichzeitig können Informationen verfälscht, falsch interpretiert oder unkontrolliert weiterverbreitet werden.

Organisationen sollten deshalb verbindlich festlegen, welche Quellen genutzt werden: offizielle Warnkanäle, interne Lagebewertungen, geprüfte Karten und definierte Kontaktpersonen.

Eine transparente Schutzbotschaft kann lauten: „Die Lage wird geprüft. Bis zur Entwarnung Arbeiten im Außenbereich einstellen, sichere Bereiche aufsuchen und keine unbestätigten Ortsangaben weiterleiten.“ Unsicherheit wird damit nicht verschwiegen, sondern handhabbar gemacht.

Digitale Kanäle richtig verbinden

Digitale Anwendungen können Krisenkommunikation schneller und konkreter machen. Ihr Nutzen liegt jedoch nicht im einzelnen Tool, sondern in der Verbindung von Warnung, Orientierung, Rückmeldung und Dokumentation.

Warn-Apps können eine erste Information auslösen. Kommunale Dienste oder Stadt-Apps können Orientierung geben, etwa durch Karten sicherer Orte, von Schutzräumen oder U-Bahn-Stationen.[2] Solche Informationen sollten aktuell, möglichst offline verfügbar und an reale Bedingungen angepasst sein.

Statusmeldungen nach dem Prinzip „Are you OK?“ ergänzen die Alarmierung.[3] Sie helfen zu erkennen, wer erreichbar ist und Unterstützung benötigt.

Digitale Plattformen zur Freiwilligen- oder Ressourcenkoordination zeigen einen weiteren Baustein. In akuten Lagen ist es nicht entscheidend, möglichst viele Helfende zu mobilisieren. Entscheidend ist, Personen mit passenden Qualifikationen sicher einzusetzen, Aufgaben zu dokumentieren, Einsatzzeiten zu begrenzen und unkontrollierte Exposition zu vermeiden.[4] Plattformen für Bedarf und Unterstützung können zudem zeigen, welche Ressourcen fehlen, welche Angebote verfügbar sind, und welche Prioritäten gelten.[5]

Auch digitale Gefährdungsbeurteilungen und kurze Lernformate sind Teil der Kommunikation. Web-Anwendungen wie digitale Checklisten, Entscheidungsbäume oder Rapid-Risk-Assessment-Tools[6] können Führungskräfte dabei unterstützen, unter Zeitdruck nicht nur schnell, sondern nachvollziehbar zu entscheiden.[7] Beispiele zu digitalen Lösungen zeigen diese Bandbreite: Freiwilligenkoordination, Energy-Aid-Plattformen[8], Überprüfung der Kenntnisse in Erster Hilfe[9] sowie zum Notgepäck[10], psychosoziale Check-ins, Präventionsplattformen[11], digitale Gefährdungsbeurteilung und risikobasierte Priorisierung[12]; [13].

Krisenkommunikation als Normalbetrieb

Wenn eine Notlage Wochen oder Monate dauert, verändert sich die Aufgabe. Kommunikation darf dann nicht nur reaktiv sein. Sie muss in den Arbeitsalltag integriert werden.

Wiederholung ist dabei kein Zeichen schlechter Kommunikation, sondern ein Sicherheitsprinzip. Wiederkehrende Botschaften, Piktogramme und mehrsprachige Hinweise helfen, Informationen auch unter Belastung verständlich zu vermitteln. Wichtige Hinweise dürfen nicht ausschließlich über Ton, Farbe oder eine einzelne App vermittelt werden.

In der Praxis kann eine tägliche Kurzkommunikation aus drei Elementen bestehen: aktueller Lagehinweis, wichtigste Schutzregel des Tages und Rückmeldekanal. Die Struktur bleibt gleich, auch wenn sich die Gefährdung verändert.

Schutzkommunikation wirksam machen

Allgemeine Hinweise wie „Bitte vorsichtig sein“ helfen in Notlagen wenig. Beschäftigte müssen sofort erkennen können, was jetzt zu tun ist, wer entscheidet und wann eine Regel endet. Wirksame Kommunikation muss deshalb vier Anforderungen erfüllen.

  1. Handlung statt Warnung. Nicht: „Bitte vorsichtig sein.“ Sondern: „Arbeiten stoppen. Maschine sichern. Schutzbereich aufsuchen.“
  2. Quelle und Gültigkeit nennen. Wer meldet? Für welchen Bereich? Bis wann gilt die Regel?
  3. Rückmeldung sichern. Kommunikation endet nicht mit dem Senden. Entscheidend ist, ob die Information angekommen, verstanden und umgesetzt wurde.
  4. Zugänglich und lernfähig bleiben. Kurze Sätze, klare Begriffe, Piktogramme, Offline-Versionen und regelmäßige Auswertung nach Ereignissen verbessern die Wirksamkeit.

Psychosoziale Lage einbeziehen

Dauerstress, Schlafmangel und Sorge um Angehörige beeinflussen Aufmerksamkeit und Risikowahrnehmung. Deshalb darf Krisenkommunikation nicht nur technische Anweisungen geben. Sie muss Belastungen anerkennen und niedrigschwellige Unterstützung sichtbar machen.

Eine gute Führungskommunikation vermeidet sowohl Dramatisierung als auch Verharmlosung. Sie benennt, was Menschen tun können, und vermittelt, dass Rückmeldungen erwünscht sind. Dies kann in kurzen Formaten erfolgen: Beispiele sind ein Check-in zu Beginn einer Schicht, eine anonyme Belastungsabfrage, ein Hinweis auf psychosoziale Unterstützung oder eine klare Regel, wann eine Person eine Tätigkeit unterbrechen darf. Kommunikation hilft auch dabei, Überlastung frühzeitig sichtbar zu machen.

Vision Zero in Notlagen

Auch Notlagen und akute Krisensituationen dürfen nicht automatisch als Situationen mit unvermeidbaren Verlusten akzeptiert werden. Ziel muss bleiben, Menschenleben bestmöglich zu schützen. Vision Zero bleibt auch unter Notfallbedingungen ein wichtiges Leitbild.

Kooperationen zwischen Arbeitsschutz, Katastrophenschutz und Wissenschaft zeigen, wie digitale Lösungen und resiliente Arbeitsorganisation stärker verbunden werden können. Krisenkommunikation ist damit keine Begleitmaßnahme, sondern ein Schutzinstrument. Klare, überprüfte und handlungsorientierte Botschaften können entscheidend dazu beitragen, Menschen in akuten und langanhaltenden Notlagen zu schützen.

Fußnoten

  1. Ajax Systems Inc.: «Повітряна тривога» Luft Alarm, Google Play, https://play.google.com/store/apps/details?id=com.ukrainealarm (abgerufen am 18.05.2026)

  2. Visit Kyiv: Kyiv Shelter Map – Where to Find Bomb Shelters, https://visitkyiv.com/visitor-essentials/kyiv-shelter-map/ (abgerufen am 18.05.2026)

  3. Momental: Digitale Anwendung zur Erfassung des psychischen Wohlbefindens und zum Monitoring psychosozialer Risiken in Arbeits- und Krisenumgebungen, 2024, https://momental.howareu.com (abgerufen am 18.05.2026)

  4. Lviv State University of life Safety LDU BGD / iVolunteer: Mobile Anwendung zur digitalen Unterstützung von Freiwilligenkoordination, Ressourcenmanagement und Risikokommunikation in Notfallsituationen, https://play.google.com/store/apps/details?id=ua.ivolunteer&hl=uk (abgerufen am 18.05.2026)

  5. Ministry of Energy of Ukraine: Energy Aid Plattform – Digitale Plattform zur Koordination internationaler Unterstützung und Wiederherstellung kritischer Energieinfrastruktur, 2024, https://energy-aid.mev.gov.ua/auth/login (abgerufen am 18.05.2026)

  6. Rapid-Risk-Assessment-Tools (RRA-Tools) sind Instrumente zur schnellen und systematischen Bewertung von Risiken, insbesondere in Situationen, in denen zeitnah Entscheidungen getroffen werden müssen. Sie helfen dabei, potenzielle Gefährdungen, deren Eintrittswahrscheinlichkeit und mögliche Auswirkungen strukturiert einzuschätzen, um geeignete Maßnahmen abzuleiten.

  7. European Society of Occupational Safety and Health ESOSH: eRisk-Control – Risk Assessment for Workplaces, https://eriskcontrol.com/en (abgerufen am 18.05.2026)

  8. Energy-Aid-Plattformen sind digitale Plattformen, die den Austausch, die Koordination und die Bereitstellung von Ressourcen zur Unterstützung der Energieversorgung und Energieresilienz ermöglichen. Sie vernetzen Akteure wie Energieversorger, Behörden, Unternehmen und Verbraucher, um beispielsweise in Krisensituationen Energiehilfen, Notfallmaßnahmen oder Informationen effizient bereitzustellen.

  9. Deutsches Rotes Kreuz: Erste-Hilfe-App, https://www.drk.de/hilfe-in-deutschland/erste-hilfe/erste-hilfe-app/?utm_source=chatgpt.com (abgerufen am 18.05.2026)

  10. Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe: Notgepäck, https://www.bbk.bund.de/DE/Warnung-Vorsorge/Vorsorge/So-koennen-Sie-sich-vorbereiten/Notgepaeck/notgepaeck_node.html (abgerufen am 18.05.2026)

  11. Präventionsforum Plus: Digitale Plattform mit offiziellen Quellen im Arbeits- und Gesundheitsschutz, https://pfplus.info (abgerufen am 18.05.2026)

  12. BG BAU: KI-Projekt hilft bei der Unfallprävention, https://bauportal.bgbau.de/bauportal-32024/rund-um-die-bg-bau/ki-projekt-unfallpraevention (abgerufen am 18.05.2026)

  13. Bohdanova, O.: Digitale Lösungen in Notfallsituationen und Umgebungen mit eingeschränkten Ressourcen. In: XL. Sicherheitswissenschaftliches Symposion, 20. Mai 2026, Gesellschaft für Sicherheitswissenschaft e. V. (GfS), ISBN 978-3-936050-39-4.

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