Nachhaltige Qualifizierung: Mehr als Lerntransfer
Nachhaltigkeit ist längst mehr als ein ökologisches Schlagwort: Auch in der Bildungsarbeit nimmt sie einen größer werdenden Stellenwert ein. Dieser Artikel lotet aus, ob insbesondere soziale Nachhaltigkeit neue Impulse für die Qualifizierung der Unfallversicherungsträger liefern kann.
Key Facts
- Nachhaltigkeit ist ein viel- schichtiges Thema und eng mit dem Bildungsauftrag der Unfallversicherungsträger verknüpft.
- Insbesondere die soziale Nachhaltigkeit bietet wertvolle Anknüpfungspunkte für Qualifizierungsmaßnahmen im Bereich Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit.
- Das Programm „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ setzt die Förderung von Kompetenzen ins Zentrum, welche für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit essenziell sind.
Das gesellschaftlich breit diskutierte Thema „Nachhaltigkeit“ hält Einzug in die Erwachsenenbildung. Dieser Artikel befasst sich mit den Fragen, in welchem Verhältnis die Themen „Nachhaltigkeit“ und „Qualifizierung im Bereich Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit“ zueinander stehen: Gibt es Überschneidungen oder Anschlussstellen, die für die Aus- und Weiterbildung relevant sind? Welche Rolle spielen Nachhaltigkeitsthemen bei der Umsetzung des Präventionsauftrages der Unfallversicherungsträger (UV-Träger) und können sie gar zur Verbesserung von Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit beitragen?
Was ist mit Nachhaltigkeit gemeint?
Da „Nachhaltigkeit“ mittlerweile mit vielfachen Bedeutungen aufgeladen ist, sollte der Begriff im Kontext der Qualifizierung einer genauen Betrachtung unterzogen werden. „Nachhaltig“ bedeutet laut Duden zunächst „sich auf längere Zeit auswirkend“.[1] Da die UV-Träger mit ihren Qualifizierungsangeboten genau das erreichen möchten – einen langfristigen und tiefgreifenden Effekt auf die Teilnehmenden erzielen –, scheint der Begriff wie gemacht für das Vokabular der Qualifizierung. Wichtig ist jedoch, die verschiedenen Bedeutungen sauber zu unterschieden.
Ein in diesem Zusammenhang häufig zitiertes Konzept ist das „Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigen Entwicklung“, das die wechselseitige Verwobenheit von Wirtschaft, Soziales und Ökologie betont.[2] So meint „Ökologische Nachhaltigkeit“ „ein Handlungsprinzip zur Ressourcennutzung, bei dem eine dauerhafte Bedürfnisbefriedigung durch die Bewahrung der natürlichen Regenerationsfähigkeit der beteiligten Systeme gewährleistet werden soll.“[3] „Ökonomische Nachhaltigkeit“ beschreibt „die Maximierung des ökonomischen Ertrags bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der benötigten Eingangsressourcen“.[4] „Soziale Nachhaltigkeit“ wiederum will die Entwicklungs- und Handlungsmöglichkeiten von Menschen dauerhaft erreichen und erhalten und zielt auf Chancengleichheit sowie auf Partizipation an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen. Dies betrifft auch die Gewährleistung und den Schutz der menschlichen Gesundheit.
Nachhaltigkeit[5] ist also eine Grundbedingung für eine physi- sche wie psychische Gesundheit – auch am Arbeitsplatz.
Öffentlich-rechtliche Rahmung von Nachhaltigkeit
Global gerahmt wird Nachhaltigkeit in der „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ der Vereinten Nationen (UN)[6] . Bei den darin formulierten 17 Nachhaltigkeitszielen spielt Bildung eine zentrale Rolle. Mit dem Ziel 4 soll inklusive, gleichberechtigte und hochwertige Bildung gewährleistet und Möglichkeiten lebenslangen Lernens für alle gefördert werden. Die UN versteht Bildung als Menschenrecht und zugleich als Voraussetzung für Nachhaltigkeit.
Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit als Präventionsziel ist vom Grundverständnis her nachhaltig, sowohl in ökonomischer, ökologischer als auch sozialer Hinsicht.
Das Bildungsverständnis der UN geht sowohl über die reine Wissensvermittlung als auch über die Kompetenzorientierung hinaus. Denn laut dem UNESCO-Bildungsprogramm „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) sollte der Zweck von Bildung das institutionelle Bildungsgeschehen überschreiten und sich in die Gesamtgesellschaft hinein ausweiten. Menschen sollen zu vorausschauendem Denken, der Verknüpfung interdisziplinären Wissens, autonomem Handeln sowie der Partizipation an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen befähigt und zu „Weltbürgern“ werden. Die Fähigkeit, das eigene Umfeld selbst zu gestalten und Selbstwirksamkeit zu erfahren, ist dabei von zentraler Bedeutung.[7]
Deutschland möchte die Nachhaltigkeitsprinzipien von BNE in sämtlichen Bildungs- und Ausbildungskontexten verankern und setzt das BNE-Programm im Rahmen des „Nationalen Aktionsplans“ um.[8] Die UV-Träger zählen zu den größten Anbietern für Erwachsenenbildung in Deutschland und leisten bei der Umsetzung einen bedeutenden Beitrag.[9]
Nachhaltigkeit geht Hand in Hand mit dem Präventionsziel
Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit als Präventionsziel ist vom Grundverständnis her nachhaltig, sowohl in ökonomischer, ökologischer als auch sozialer Hinsicht. Die Anliegen und Ziele von Nachhaltigkeit sind insofern in hohem Maße anschlussfähig an den Präventionsauftrag.
Ökologische Nachhaltigkeit und die damit verbundenen Themen finden berechtigterweise mehr und mehr Eingang in die Qualifizierung – sei es durch die Bereitstellung von Informationen zu klimawandelbedingten Gesundheitsgefährdungen und Präventionsstrategien oder durch das Aufzeigen von Maßnahmen umweltfreundlichen Verhaltens. Um die Auswirkungen und Herausforderungen des Klimawandels auf Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit im Allgemeinen und bei den Folgerungen für die Qualifizierung im Speziellen soll es an dieser Stelle aus Platzgründen nicht gehen. Der Artikel legt den Fokus vielmehr auf die besonderen Potenziale der Dimension „Soziale Nachhaltigkeit“ für die Qualifizierung und beleuchtet, wie die Qualifizierungsangebote der UV-Träger dieser gerecht werden können.
Chancen sozialer Nachhaltigkeit für Qualifizierung
Herausforderungen wie die alternde Bevölkerung, das Erodieren demokratischer Strukturen oder die steigende Gefahr durch Desinformationen und Fake News sind Zerreißproben für den sozialen Zusammenhalt. Soziale Nachhaltigkeit ist neben der ökologischen und wirtschaftlichen Nachhaltigkeit entscheidend für eine resiliente, stabile und lebenswerte Gesellschaft und gleichsam eine Bedingung für Zukunftsfähigkeit.
Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit sind ein wesentlicher Baustein Sozialer Nachhaltigkeit. Arbeitssicherheits- und gesundheitsfördernde Maßnahmen, die auf lange Sicht wirksam sind, gehen dabei Hand in Hand mit solchen, die der sozialen Gerechtigkeit und Chancengleichheit dienen, wie etwa Möglichkeiten der Mitbestimmung, flexible Arbeitsmodelle oder eine barrierefreie Arbeitsumgebung.
Die Inhalte und Zielsetzungen der Qualifizierung gehen in denen der Sozialen Nachhaltigkeit auf. So hat Soziale Nachhaltigkeit die dauerhafte Sicherung der Entwicklungs- und Handlungsmöglichkeiten von Menschen zum Ziel – nichts anderes verfolgt die Qualifizierung, wenn auch spezifischer ausgerichtet. Insofern ist die Anschlussfähigkeit des Anliegens der Qualifizierung an die Nachhaltigkeitsziele und somit an BNE evident.
Wenn Menschen sich als selbst und handlungswirksam erleben, können sie Herausforderungen besser bewältigen, die Problemlagen der Welt differenzierter betrachten und sind insgesamt leistungsfähiger.
Auch bietet die kompetenzorientierte Ausrichtung der Qualifizierung eine ideale Ausgangsbasis für BNE-spezifische Inhalte. Umgekehrt können die Ziele von BNE als Grundvoraussetzungen für die Umsetzung des Präventionsauftrages gelten. Denn nur mit vorausschauendem und autonomem Handeln, kritischem Denken, der Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme oder dem Umgang mit Widersprüchen wird es gelingen, den Komplex Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit zu vertreten und effektiv nach vorne zu bringen.
Sozial nachhaltige Bildungsziele zahlen sowohl auf den Präventionsauftrag als auch den Erfolg der versicherten Betriebe und Organisationen ein:
- Beispiel Eigenverantwortung: Sind Beschäftigte an Entscheidungsprozessen, die ihre Arbeitsbedingungen betreffen, beteiligt, so stärkt dies das Gefühl der Eigenverantwortung und trägt zur Verbesserung des Arbeitsklimas bei. Ähnlich verhält es sich beim aktiven Einbezug der Teilnehmenden von Qualifizierungsmaßnahmen: Die selbsttätige Auseinandersetzung mit Lerninhalten fördert den Lernerfolg und stärkt die Handlungskompetenz.
- Beispiel Inklusion: Eine effektive Präventionskultur kann sich nur umfassend etablieren, wenn die damit verbundenen Maßnahmen alle Beschäftigten erreichen. Die Vernachlässigung oder Exklusion einzelner Gruppen oder Menschen geht nicht nur zu deren Lasten, sondern schwächt sicheres und gesundes Arbeiten insgesamt. Ebenfalls gilt: Eine wertschätzende, inkludierende Gruppenatmosphäre stärkt nachweislich die Aufnahmebereitschaft und Lernmotivation der Teilnehmenden eines Qualifizierungsangebotes.
- Beispiel Selbstwirksamkeit: Menschen können mit den (drohenden) Folgen des Klimawandels oder den anstehenden Transformationsprozessen psychisch überlastet sein. Wenn sie sich als selbst- und handlungswirksam erleben, können sie Herausforderungen besser bewältigen, die Problemlagen der Welt differenzierter betrachten und sind insgesamt leistungsfähiger. Dies kann sowohl einen positiven Effekt auf das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit der Beschäftigten haben als auch auf deren Kompetenzniveau – allgemein als Querschnittskompetenz oder auch konkret mit Blick auf die Aufgaben einer Fachkraft für Arbeitssicherheit.
Die Ziele Sozialer Nachhaltigkeit können ihr volles Potenzial entfalten, wenn sie in der Umsetzung systemisch zusammengedacht und an allen „Bildungsorten“ verfolgt werden.
Nachhaltigkeit in der Bildungsarbeit der UV-Träger verankern
Wie können Elemente der BNE in den Qualifizierungsangeboten der UV-Träger konkret stärker berücksichtigt werden? Hierbei kann die Unterscheidung in eine inhaltliche, eine strukturelle und eine praktisch-organisatorische Ebene hilfreich sein. Bei der inhaltlichen Ebene ist Nachhaltigkeit selbst ein Thema im inhaltlichen Rahmen eines Qualifizierungsangebotes (zum Beispiel Informationen zu klimawandelbedingten Gesundheitsgefährdungen wie Hitze oder UV-Strahlung und entsprechend angepasste Maßnahmen). Die strukturelle Ebene umfasst die Realisierung einer „nachhaltigen“ – im Sinne einer wirksamen, gerechten und hochwertigen – Bildung: Wie muss ein Qualifizierungsangebot sein, damit die Teilnehmenden in ihrer beruflichen Praxis in ihrer Handlungsfähigkeit und Wirksamkeit gestärkt sind? Werden Aspekte wie Barrierefreiheit, gesundheitsförderliche Seminarbedingungen oder eine kultursensible Didaktik berücksichtigt? Auf der praktisch-organisatorischen Ebene stehen Fragen nach einem nachhaltig zu realisierenden Qualifizierungsangebot im Fokus – von der ökologisch nachhaltigen Veranstaltungsplanung bis zum digitalen Handout.
Fazit
Qualifizierung, die sich in den Dienst von Nachhaltigkeitszielen stellt, ist mehr als Lerntransfer. Vor allem im Bereich der Sozialen Nachhaltigkeit haben Qualifizierungsangebote großes Potenzial, den BNE-Zielen gerecht zu werden und eine Bildung für die Teilnehmenden anzubieten, die die Herausforderungen der Zukunft im Blick hat. Damit tragen sie nicht nur ihren Teil zu einer sicheren und gesunden, sondern auch zu einer zukunftsfähigen und resilienten Gesellschaft bei.
Die Integration von BNE in die Bildungsangebote der UV-Träger bietet große Chancen, birgt aber auch Herausforderungen. Es ist wichtig, eine Balance zu finden, um die Sicherheits- und Gesundheitsthemen nicht zu überfrachten, Akzeptanz bei den Zielgruppen zu sichern und die Umsetzung praktikabel zu gestalten. Eine schrittweise Einführung mit begleitender Evaluation könnte helfen, mögliche Risiken zu minimieren.
Fußnoten
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„Nachhaltig“ auf Duden online. (abgerufen 16.06.25) | https://www.duden.de/rechtschreibung/nachhaltig
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Das Drei-Säulen-Modell ist ein häufig zitiertes, aber nicht eindeutig auf eine Urheberschaft zurückzuführen. Erste Erwähnung findet es im sogenannten „Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung (World Commission on Environment and Development, WCED) von 1987. | https://www.are.admin.ch/are/de/home/medien-und-publikationen/publikationen/nachhaltige-entwicklung/brundtland-report.html
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Neurieder, Peter (2022): Der Blick in den Abgrund. | https://www.sifa-sibe.de/organisation/der-blick-in-den-abgrund/
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„Ökonomische Nachhaltigkeit“ im Gabler Wirtschaftslexikon. | https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/oekonomische-nachhaltigkeit-53449/version-276538
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Wenn im Folgenden von „Nachhaltigkeit“ gesprochen wird, ist damit immer die Trias der Ökologisch-Ökonomisch-Sozialen Nachhaltigkeit gemeint.
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Regionales Informationszentrum der Vereinten Nationen (UNRIC). (abgerufen am 16.06.25) | https://unric.org/de/17ziele/
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„BNE-Portal“ des Bundeministeriums für Bildung und Forschung. | https://www.bne-portal.de/bne/de/einstieg/was-ist-bne/was-ist-bne_node.html
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„BNE-Portal“ des Bundeministeriums für Bildung und Forschung. | https://www.bne-portal.de/bne/de/bundesweit/das-unesco-programm-in-deutschland/das-unesco-programm-in-deutschland.html
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Dieser Auftrag wird auch von der Nationalen Präventionskonferenz (NPK) formuliert: So sollen die UVT sich dafür einsetzen, klimaschützende und -anpassende Elemente in verhältnis- und verhaltenspräventive, gesundheits-, sicherheits- und teilhabeförderliche Strukturen, Netzwerke, Prozesse, Projekte und Maßnahmen zu integrieren als auch die bei ihnen versicherten Einrichtungsträger bzw. Betriebe entsprechend ihres gesetzlichen Auftrages bei der Umsetzung von Maßnahmen zu unterstützen; vgl. Die Nationale Präventionskonferenz (NPK) (2023): Prävention, Gesundheits-, Sicherheits- und Teilhabeförderung in Lebenswelten im Kontext klimatischer Veränderungen. S. 11. | https://www.npk-info.de/fileadmin/user_upload/umsetzung/pdf/praevention_gesundheits-_sicherheits-_und_teilhabefoerderung_in_lebenswelten_im_kontext_klimatischer_veraenderungen_.pdf