Bedeutung der Früherkennung von Internetnutzungsstörungen bei Beschäftigten
Wie beeinflussen Internetnutzungsstörungen den Start ins Berufsleben und die Leistungsfähigkeit im Job? Der Beitrag beleuchtet aktuelle Erkenntnisse zu direkten und indirekten Effekten problematischer Internetnutzung – von eingeschränkter Arbeitsfähigkeit bis zu spürbaren Leistungseinbußen.
Key Facts
- Nach Studiendaten suchen Frauen bei einer Internetnutzungsstörung seltener als Männer eine Psychotherapie oder Suchtberatung auf
- Internetnutzungsstörung tritt oft mit anderen komorbiden Störungsbildern auf
- Prävention und Früherkennung einer Internetnutzungsstörung spielen eine wichtige Rolle für eine gute Prognose Beschäftigter
Seit 2019 besteht in der von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebenen ICD-11 die Möglichkeit, Verhaltenssüchte als neue diagnostische Kategorie zu verschlüsseln.[1] Als spezifische Erkrankungen finden sich in diesem Kapitel der ICD-11 die sogenannte Störung durch Glücksspiele sowie die Störung durch Computerspielen als gänzlich neue Diagnose. Andere, unter der Bezeichnung Internetnutzungsstörungen (zum Beispiel Soziale-Netzwerke-Nutzungsstörung, Online-Pornografie-Nutzungsstörung, Shopping-Buying Disorder)[2], [3], welche in der wissenschaftlichen Literatur beschrieben werden, sind in der ICD-11 zwar nicht nominell definiert, können aber unter einer Residualkategorie „Andere spezifizierbare Verhaltenssüchte“ grundsätzlich codiert werden.[4] Der von der WHO definierte diagnostische Rahmen beinhaltet für alle in der Literatur beschriebenen Formen von Internetnutzungsstörungen drei wesentliche klinische Hauptkriterien:
- Verlust beziehungsweise signifikant verminderte Kontrolle über Häufigkeit und Ausmaß der spezifischen Internetnutzung
- Priorisierung des Internetnutzungsverhaltens vor anderen essentiellen Lebensbereichen und Freizeitinteressen
- Fortführung oder weitere Eskalation der exzessiven Nutzung trotz damit einhergehender negativer Konsequenzen in verschiedenen Lebensbereichen, so etwa gesundheitliche Probleme, beruflicher Leistungsabfall, soziale Konflikte
Als ergänzende diagnostische Bestimmungsgröße wird die durch die suchtartige Nutzung bedingte Einschränkung des psychosozialen Funktionsniveaus definiert.
In den vergangenen 15 Jahren haben sich die Forschung sowie die klinische Erfahrung bezüglich Internetnutzungsstörungen signifikant weiterentwickelt und immer stärker professionalisiert. Es gibt eine breit anerkannte empirische und klinische Evidenz dahingehend, dass Internetnutzungsstörungen mit einer erhöhten psychosozialen und psychopathologischen Belastung, neurochemischen Dysbalancen, welche ganz unterschiedliche kortikale Regionen betreffen können (unter anderem mesolimbisch-dopaminerges System, orbitofrontaler Kortex, Basalganglien)[5], komorbiden psychischen Störungen[6] und einer Abnahme des psychischen Well-Beings und der Lebensqualität einhergehen[7]. Überraschenderweise gibt es demgegenüber vergleichsweise deutlich weniger empirische Untersuchungen und klinische Dokumentationen zu mit Internetnutzungsstörungen assoziierten Symptomen und Beschwerden hinsichtlich der körperlichen Gesundheit und der damit verbundenen Befähigung, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten, wie beispielsweise in das Berufsleben einzutreten beziehungsweise dauerhaft eine berufliche Tätigkeit auszuführen.
Körperliche Gesundheit
Wie zuvor erwähnt, besteht im Gegensatz zu Substanzabhängigkeiten oder der Störung durch Glücksspiele unglücklicherweise ein Defizit hinsichtlich unseres Wissens zu den Auswirkungen einer Internetnutzungsstörung auf somatische Gesundheitsparameter. Gleichzeitig spielen somatische Gesundheitsparameter hinsichtlich der beruflichen Leistungsfähigkeit eine bekannte zentrale Rolle, beispielsweise im Zusammenhang mit den aktuell diskutierten krankheitsbedingten Fehltagen und dem damit verbundenen volkswirtschaftlichen Produktivitätsverlust.
In einer Befragung Erwachsener konnte eine Forschungsgruppe aufzeigen, dass Internetnutzungsstörungen mit einem schlechteren allgemeinen somatischen Gesundheitszustand in Zusammenhang standen.[8] In einer Erhebung der auf Internetnutzungsstörungen spezialisierten Mainzer Ambulanz für Spielsucht (AFS) an 286 erwachsenen Patientinnen und Patienten, welche sich wegen des Verdachts auf eine Internetnutzungsstörung zu einem klinischen Erstgespräch vorstellten, wurden gesundheitliche und berufsbezogene Parameter standardisiert erhoben. Als Vergleichsstichprobe zu den erhobenen Variablen wurden 106 Betroffene mit einer Störung durch Glücksspiele hinzugezogen sowie 95 Personen, welche ein zwar überhöhtes, jedoch nicht suchtartiges Internetnutzungsverhalten aufwiesen. Die Befunde dieser Studie verdeutlichten, dass Patientinnen und Patienten mit Internetnutzungsstörungen durch somatische Symptome als deutlich stärker belastet angesehen werden müssen als gesunde Referenzpersonen. Dies zeigte sich insbesondere hinsichtlich erlebter Schmerzsymptome und psychovegetativer Symptome. Konkret ergab sich bei dem Abgleich der somatischen Symptome bei Patientinnen und Patienten mit einer Internetnutzungsstörung mit Referenzwerten einer validierten Normpopulation, dass diese unter höheren somatischen Beschwerden litten als 95 Prozent der Referenzpopulation.[9] Als weitere Problematik erwies sich in dieser Studie, dass Patientinnen und Patienten mit einer Internetnutzungsstörung unter Fatigue-Symptomen, einer signifikant verschlechterten Schlafqualität sowie deutlich verkürzten Schlafzeiten zu leiden hatten und hierüber deutlich erhöhte Erschöpfungszustände, Motivationsdefizite und Konzentrationsprobleme zu verzeichnen waren.
Ein weiterer wesentlicher Befund dieser Studie betraf Unterschiede hinsichtlich des psychosozialen Funktionsniveaus und der subjektiven beruflichen Kompetenzerwartung Betroffener. Im klinischen Fremdrating des psychosozialen Funktionsniveaus ergaben sich signifikante Defizite in allen erhobenen Dimensionen (soziales, freizeitbezogenes und berufliches Funktionsniveau), was bei Betroffenen, die neben der Internetnutzungsstörung noch weitere komorbide Störungen aufwiesen, nochmals gravierender ausfiel. Diese Befunde deckten sich mit der Selbsteinschätzung der Patientinnen und Patienten auf den vorgenannten Dimensionen. Zudem gaben zwei Drittel der Betroffenen an, dass sie eine hohe subjektive Unsicherheit erlebten, was ihre Berufsfähigkeit und die Qualität ihres beruflichen Leistungsvermögens in den kommenden zwei Jahren anbetrifft.
Fehlende Abschlüsse und Arbeitslosigkeit
Neben der Einschränkung der körperlichen Gesundheit bei Betroffenen mit Internetnutzungsstörungen zeigt sich an klinischen Populationen ebenso, dass der Weg in das Berufsleben durch diese Verhaltenssucht stark in Mitleidenschaft gezogen wird. So zeigen Statistiken der Mainzer Ambulanz für Spielsucht, dass etwa zwei Drittel der 638 klinischen Erstvorstellungen im Alter zwischen 19 und 44 Jahren angeben, entweder aktuell keinem Beruf nachzugehen oder noch nie einen Beruf ergriffen zu haben. Die Gründe für dieses Phänomen sind empirisch noch nicht hinreichend untersucht, im klinischen Eindruck erweisen sich jedoch drei Aspekte als relevant:
- Ein erster Onset von Internetnutzungsstörungen tritt meist schon in der frühen Adoleszenz auf; hier ergeben sich erste zeitlich andauernde Nutzungsexzesse, welche sich in vielen Lebensbereichen negativ auswirken, etwa auf das Sozialverhalten (sozialer Rückzug) und das schulische Leistungsniveau. Bei Betroffenen ist oftmals ein drastisches Absinken der schulischen Leistungsfähigkeit beobachtbar, gepaart mit erhöhten Fehlzeiten oder auch dauerhaftem Schulabsentismus. Die Folgen sind häufig Klassenwiederholungen, Wechsel auf eine andere Schulform oder auch Schulabbrüche. Ähnliche Dynamiken sind zu verzeichnen in anderen Ausbildungsstufen, so etwa der Berufsschule oder des universitären Studiums. In allen Fällen verhindert diese Dynamik häufig den Abschluss einer beruflichen Qualifikation und damit den Eintritt in das Berufsleben.
- Betroffene mit einer insbesondere chronifizierten Internetnutzungsstörung erleben in der Regel Störungen hinsichtlich der Lösung von altersspezifischen Entwicklungsaufgaben. Diese betreffen häufig die Dimensionen Identitätsbildung, Aufbau reifer zwischenmenschlicher Beziehungen, Autonomieentwicklung und Lebensorientierung. Durch den jahrelangen exzessiven Gebrauch und das immersive Versinken in virtuelle Welten (zum Beispiel Online-Computerspiele und Social Media) wird die Teilnahme am realen Leben nahezu „verlernt“.
- Der dritte Pfad, der Arbeitsausfälle und anhaltende Arbeitslosigkeit bei Internetnutzungsstörungen bedingen kann, ist als direkte Folge der Störung anzusehen. Betroffene weisen, wie zuvor schon skizziert, deutliche störungsbedingte Defizite hinsichtlich ihrer Motivation (einschließlich Leistungsmotivation), ihrer Aufmerksamkeits- und Konzentrationskapazitäten und weiterer essenzieller Parameter, etwa der Frustrationstoleranz, auf. Entsprechend fällt im klinischen Kontext immer wieder auf, dass Patientinnen und Patienten zwar schon den Schritt in die Erwerbstätigkeit vollzogen hatten, aufgrund der Suchtproblematik jedoch die berufliche Anstellung verloren. Als faktische Gründe sind hier nicht nur die nachlassende Leistungsfähigkeit zu nennen, sondern auch die zuvor beschriebenen körperlichen Symptome, welche in Kombination mit der psychopathologischen Symptombelastung zu erhöhten Ausfallzeiten, Fehltagen und weiterer beruflicher Unzuverlässigkeit beitragen.
Eine Internetnutzungsstörung kann als komorbide Störung bei einer Depression, bei einer Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und bei einer Autismus-Spektrum-Störung auftreten – daher die Bedeutung einer Differenzialdiagnose bei Beschäftigten, die unter einer Internetnutzungsstörung leiden. Nicht nur die Leistung der Beschäftigten leidet darunter, vor allem wird auch der Zugang zu einer geeigneten Therapie verzögert.
Früherkennung und Prävention
Zum Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) einer Firma gehört, Maßnahmen zu ergreifen, die die Gesundheit und das Wohlbefinden der Beschäftigten fördern. Zu den Handlungsfeldern des BGM gehören präventive Bereiche wie der Arbeitsschutz, die Suchtprävention, die Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF), die Personal- und die Organisationsentwicklung.
Das Ziel der betrieblichen Suchtprävention ist es, Risiken und Probleme am Arbeitsplatz, die durch den Konsum von Suchtmitteln beziehungsweise Verhaltenssüchte wie Internetnutzungsstörungen entstehen können, mit präventiven Maßnahmen und Interventionen zu minimieren[10]:
- Klare Regeln oder Vereinbarungen des Unternehmens bezüglich der Nutzung des privaten Smartphones und des Internets während der Arbeit helfen bei einer Früherkennung beziehungsweise Vorbeugung einer Internetnutzungsstörung
- Aufklärungskampagnen und Schulungen sensibilisieren hinsichtlich der Existenz einer Internetnutzungsstörung
- Zugang zu Beratung und Hilfe innerhalb des Unternehmens ist eine wichtige Maßnahme, um Beschäftigten, die unter einer Internetnutzungsstörung leiden, Zugang zur Psychotherapie beziehungsweise Suchtberatungsstellen zu erleichtern
- Eine Gefährdungsbeurteilung eines Unternehmens bezüglich psychischer Belastung bei der Arbeit kann Risiken identifizieren, die den Konsum beispielsweise von Alkohol oder Medien befördern
- Maßnahmen betrieblicher Gesundheitsförderung wie Offenheit und Beratung bezüglich Sucht und Verhaltenssüchten wie Internetnutzungsstörungen sind Teil einer Unternehmenskultur, welche die Gesundheit der Beschäftigten in den Vordergrund stellt und somit die Leistung der Beschäftigten positiv fördern kann. Dazu gibt es Programme, die den Stress durch körperliche Aktivität und durch betriebliche Fürsorge reduzieren können.
Fußnoten
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World Health Organization (WHO). The ICD-11 Classification of Mental and Behavioral Disorders: Diagnostic Criteria for Research. World Health Organization, Geneva, Switzerland; 2018.
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Rumpf, H. J., Batra, A., Hoch, E., Mann, K., Thomasius, R., Bischof, A., & Brand, M. (2025). Guidelines on internet use disorders: Introduction and methodology. Sucht.
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Müller, K. W., Bilke-Hentsch, O., Bottel, L., Noack, M., Scherer, L., Schneider, K., ... & Paschke, K. (2025). Guidelines on the treatment of social networking sites use disorder. Sucht.
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Rumpf, H.-J., Arnaud, N., Batra, A., Bischof, A., Bischof, G., Brand, M., Gohlke, A., Kaess, M., Kiefer, F., Lemenager, T., Mann, K., Mößle, T., Müller, A., Müller, K.W., Rehbein, F., Thomasius, R., Wartberg, L., te Wildt, B., Wölfling, K., Wurst, F.M. (2016). Memorandum internetbezogene Störungen der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie. Sucht, 62(3), 167-172.
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Müller, K.W. & Wölfling, K. (2017). Pathologischer Mediengebrauch und Internetsucht. Stuttgart: Kohlhammer.
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Müller KW, Beutel ME, Wölfling K. A contribution to the clinical characterization of Internet Addiction in a sample of treatment seekers: Validity of assessment, severity of psychopathology and type of co-morbidity. Compr Psychiat. 2014;55:770-7.
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Cheng C, Li AYL. Internet addiction prevalence and quality of (real) life: A meta-analysis of 31nations across seven world regions. Cyberpsychol Behav Soc Netw. 2014;17:755-60.
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Kelley KJ, Gruber EM. Problematic Internet use and physical health. J Behav Addict. 2012;2:108-12.
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Gierk B, Kohlmann S, Kroenke K, Spangenberg L, Zenger M, Brähler E et al. The somatic symptom scale–8 (SSS-8): a brief measure of somatic symptom burden. JAMA Intern Med. 2014;174:399-407.
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Mölling, Nadine: Mediensucht und betriebliche Suchtprävention, https://forum.dguv.de/11-2024/mediensucht-und-betriebliche-suchtpraevention (abgerufen am 24.03.2026)