Seit Januar 2026 erscheint die DGUV forum 6 Mal pro Jahr, jeweils in den geraden Monaten.
Ausgabe 3/2026

Erfahrungsschatz Arbeitsgestaltung: Gute Maßnahmen aus der Praxis

Viele Betriebe stehen vor der Herausforderung, geeignete Maßnahmen bei psychischer Belastung abzuleiten. Das DGUV-Tool „Erfahrungsschatz Arbeitsgestaltung“ (ESA) bietet praxisnahe Beispiele, liefert Impulse und lädt dazu ein, eigene Erfahrungen zu teilen.

Key Facts

  • Wirksame Maßnahmen sind der Schlüssel einer erfolgreichen Gefährdungsbeurteilung
  • Erfahrungen zu guten Maßnahmen bei psychischer Belastung werden in dem Tool der DGUV „Erfahrungsschatz Arbeitsgestaltung“ (ESA) geteilt
  • Für den ESA werden weitere gute Beispiele gesucht

Die Gestaltung sicherer und gesunder Arbeitsbedingungen ist ein wichtiges Anliegen für alle Unternehmen. Denn gute Arbeitsbedingungen unterstützen nicht nur die Sicherheit und Gesundheit von Beschäftigten, sie fördern beispielsweise auch ein effizientes Arbeiten, tragen zu einer höheren Bindung zum Unternehmen und entsprechendem Engagement bei und können auch die Arbeitgeberattraktivität verbessern. Weil Arbeit einem stetigen Wandel unterliegt, sollte auch die Arbeitsgestaltung kein einmaliger Schritt sein, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Der zentrale Ansatzpunkt hierfür ist die Gefährdungsbeurteilung. Gefährdungen durch psychische Belastung müssen neben allen anderen Gefährdungsfaktoren in der Gefährdungsbeurteilung systematisch betrachtet und bewertet werden (§5 ArbSchG). Um identifizierte Gefährdungen zu reduzieren, werden passende Maßnahmen abgeleitet. Richtig umgesetzt, signalisiert die Gefährdungsbeurteilung den Mitarbeitenden: Eure Gesundheit ist uns wichtig!

Die Ableitung von Maßnahmen ist einer der anspruchsvollsten Schritte im gesamten Prozess der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung. Bei der Ableitung wirksamer Arbeitsgestaltungsmaßnahmen ist es hilfreich, voneinander zu lernen, um den Prozess sowie das Wissen und die Erfahrungen zu unterschiedlichen Belastungsfaktoren weiter voranzubringen. Im DGUV-Sachgebiet „Psyche und Gesundheit in der Arbeitswelt“ wurde daher der „Erfahrungsschatz Arbeitsgestaltung“ (ESA)[1] entwickelt.

Ein Beispiel aus der Praxis: Die Beschäftigten in einem Restaurant beklagen, dass sie keine oder nicht genügend Pausen machen können. Das wirkt sich negativ auf das Betriebsklima, die Zusammenarbeit und die Leistungsfähigkeit und -bereitschaft der Beschäftigten aus. Eine durchgeführte Gefährdungsbeurteilung verdeutlicht den Bedarf der Mitarbeitenden nach regelmäßigen und gut gestalteten Pausen. Der Restaurantbesitzer wird über den ESA auf Maßnahmenvorschläge aufmerksam.

Bei dem Thema „Erholungszeiten: Pausen“ gibt es ein Praxisbeispiel aus einem Pflegeheim[2]:

Erholungszeiten: Pausen

Praxisbeispiel

In einem Pflegeheim fällt es den Beschäftigten zunehmend schwer, Pausen zu nehmen. Durch Personalmangel, den Wunsch, den Bewohnerbedürfnissen gerecht zu werden und dem damit verbundenen steigenden Arbeitsdruck fallen Pausen oft weg, werden verkürzt oder sind aufgrund von Unterbrechungen nicht erholsam. Zudem bemängeln einige Beschäftigte, dass sie die Pausen oft allein und nicht gemeinsam mit dem Team nehmen können.

Mögliche Gefährdungen

Arbeit ohne ausreichende Ruhepausen vergrößert den Arbeitsstress, erhöht die Unfallgefahr (z. B. Stolper-, Rutsch- und Sturzunfälle) und gefährdet damit die Sicherheit der Beschäftigten. Durch den hohen Zeitdruck kann es auch häufiger zu Fehlern bei der Pflege kommen. Langfristig kann Arbeiten ohne Pausen zu einem erhöhten Risiko für Fehler und Unfälle bzw. zu Erschöpfungszuständen führen. Die Arbeitszufriedenheit sinkt.

Schutzziele

Die Arbeit ist sicher und gesund gestaltet, wenn ausreichend störungsfreie Pausen- und Erholungszeiten sichergestellt sind. Das Arbeitszeitgesetz schreibt bei mehr als 6 Stunden Arbeitszeit Pausen von insgesamt mindestens 30 Minuten vor, bei mehr als 9 Stunden Arbeitszeit insgesamt mindestens 45 Minuten. Vorgesehen sind Pausen von mindestens 15 Minuten am Stück.

Eine klare Trennung von Pflegetätigkeit und Pausen ist sichergestellt.

Beispielhafte Maßnahmen

In der Reihenfolge S-T-O-P soll geprüft werden, ob es passende Maßnahmen zum Schutz vor einer Gefährdung gibt.

Substitution

  • In diesem Beispiel wurden keine substituierenden Maßnahmen getroffen.

Technische Maßnahmen

  • Angenehme und erholungsfördernd gestaltete Pausenräume stehen zur Verfügung (bequeme Sitzgelegenheiten, Lärmpegel bei maximal 55 dB(A), ausreichend Tageslicht). Dadurch wird vermieden, dass die Pause und die Mahlzeit am Arbeitsplatz erfolgt und ein besseres Abschalten von der Arbeitstätigkeit ermöglicht wird.
  • Es werden Bildschirmschoner mit Erinnerungsanzeigen für die Einhaltung von Pausenzeiten eingerichtet.
  • Es besteht das Angebot kurzer digitaler Entspannungseinheiten während der Arbeitszeit, um den Einstieg in eine niederschwellige und gesundheitsförderliche Pausengestaltung zu ermöglichen.

Organisatorische Maßnahmen

  • Pausensysteme werden optimiert. Zum Beispiel werden regelmäßige Pausen durch Festlegung von Pausengruppen, die einander wechselseitig vertreten, oder durch Springer sichergestellt. Dies beugt auch der Pausenunterbrechung vor.
  • Zusammen mit den Beschäftigten werden Gründe für Pausenausfall ermittelt sowie Änderungen der Pausenorganisation geplant und umgesetzt.
  • Die Beschäftigten werden bei der Gestaltung der Pausenräume eingebunden, um diese möglichst angenehm und erholungsfördernd zu gestalten.
  • Nach emotionalen, körperlichen und kognitiv herausfordernden Tätigkeiten sind Kurzpausen für die Erholung ermöglicht.
  • Arbeitspausen sind vorhersehbar, Lage und Dauer stehen zu Arbeitsbeginn fest. Der Zeitpunkt der Pausen kann entsprechend den individuellen Bedürfnissen gewählt werden.
  • Führungskräfte sind sich ihrer Vorbildfunktion bewusst und gestalten durch ihr Verhalten eine gesunde Pausenkultur mit.

Personenbezogene Maßnahmen

  • Bei vorwiegend körperlich fordernden Tätigkeiten werden passive Pausen genutzt.
  • Regelmäßige Kurzpausen von 3 bis 5 Minuten werden durchgeführt – noch bevor Ermüdungserscheinungen spürbar sind.
  • Beschäftigte werden über die gesetzliche Pflicht zur Pause sowie die Wichtigkeit von Erholung für Gesundheit, Sicherheit und Leistungsfähigkeit geschult. Sie reflektieren das eigene Pausenverhalten und achten auf ihre eigenen Leistungsgrenzen.
  • Gespräche über Arbeitsthemen werden in der Pause vermieden, um das Abschalten zu ermöglichen.

Nach Sichtung des Praxisbeispiels aus dem Pflegeheim bekommt der Arbeitgeber Impulse für die Gestaltung von Pausen im Restaurant. Auf den zweiten Blick werden auch die Parallelen für die Gründe der schlechten Gestaltung von Pausen deutlich, wie hohe Arbeitsverdichtung in Stoßzeiten, Unvorhersehbarkeiten in den Abläufen und die priorisierte Servicebereitschaft. In Anlehnung an das Beispiel aus dem Pflegeheim plant er, in Rücksprache mit den Mitarbeitenden verbindliche Pausenregelungen zu verankern und Puffer- und Vertretungspläne zu erstellen. Darüber hinaus soll der Pausenraum angenehm gestaltet werden, damit auch nach schwierigen Kundenkontakten der Raum für eine entlastende Kurzpause genutzt werden kann.

Ziele und Inhalte des Erfahrungsschatzes

Weitere Beispiele, wie das oben geschilderte, finden sich im ESA. Sie dienen der Anregung und sollen den Betrieben Denkanstöße und neue Ideen für die Ableitung von Maßnahmen bieten. Zwar orientieren sich die dargestellten Problembeschreibungen an konkreten Branchen oder Tätigkeitsfeldern, doch die dahinterliegenden Probleme sowie die vorgestellten Lösungsansätze sind übertragbar, sollten jedoch an die Belastungsursachen und betrieblichen Bedingungen angepasst werden. Dabei gilt: Je stärker Beschäftigte in die Entwicklung eingebunden werden, desto höher ist die Akzeptanz. Zudem können Erfahrungen aus dem Arbeitsalltag der Beschäftigten als Expertinnen und Experten für den eigenen Arbeitsplatz hilfreich sein, die Maßnahmenideen weiter zu konkretisieren und zu schärfen.

DGUV-Tool „Erfahrungsschatz Arbeitsgestaltung“ (ESA)

DGUV-Tool „Erfahrungsschatz Arbeitsgestaltung“ (ESA) bietet praxisnahe Beispiele, liefert Impulse und lädt dazu ein, eigene Erfahrungen zu teilen.

Die Praxisbeispiele sind nach den Gestaltungsbereichen Arbeitsinhalt/Arbeitsaufgabe, Arbeitsorganisation, Arbeitszeit, soziale Beziehungen, Arbeitsmittel und Arbeitsumgebung[3] strukturiert. Alle Beispiele folgen einer einheitlichen Struktur:

  1. Praxisbeispiel: Darstellung eines betrieblichen Problems
  2. Mögliche Gefährdungen: mögliche Wirkungen auf den Menschen (Gesundheitsbeeinträchtigung, Sicherheitsverhalten)
  3. Schutzziele: mögliche Ziele für eine gesundheitsgerechte Arbeitssituation im Hinblick auf die beschriebene Belastung
  4. Beispielhafte Maßnahmen: Beispiele für Maßnahmen nach dem STOP-Prinzip (Substitution vor Technischen vor Organisatorischen vor Personenbezogenen Maßnahmen)

Beispiele gesucht

Der ESA ist ein stetig wachsendes Tool. Besonders lebendig wird die Seite durch weitere gute Beispiele aus der Praxis.

Zahlreiche Unternehmen und Organisationen haben die Gefährdungsbeurteilung im Hinblick auf psychische Belastung bereits aktiv als Chance genutzt, gemeinsam mit ihren Beschäftigten Maßnahmen zu entwickeln, die Gefährdungen reduzieren und zeitgleich die Arbeitsqualität steigern. Diese Erfahrungen sind wertvoll für andere Unternehmen und Organisationen und können im Rahmen des ESA geteilt werden. Dafür reicht eine kurze Beschreibung der Belastungssituation und der durchgeführten Maßnahmen per E-Mail an betty.willingstorfer@bgrci.de.

Es wird deutlich, dass auch im Bereich der psychischen Belastung konkrete, praktikable Maßnahmen für die Gestaltung sicherer und gesunder Arbeitsbedingungen möglich sind.

Fußnoten

  1. DGUV, Erfahrungsschatz Arbeitsgestaltung, https://www.dguv.de/fb-gesundheitimbetrieb/sachgebiete/sg-psyche/erfahrungsschatz/index.jsp (abgerufen am 25.03.2026)

  2. DGUV, Arbeitszeit, https://www.dguv.de/fb-gesundheitimbetrieb/sachgebiete/sg-psyche/erfahrungsschatz/arbeitszeit/pausen-erholungszeiten/index.jsp (abgerufen am 25.03.2026)

  3. GDA-Arbeitsprogramm Psyche, Berücksichtigung psychischer Belastung in der Gefährdungsbeurteilung - Empfehlungen zur Umsetzung in der betrieblichen Praxis, https://www.gda-portal.de/DE/Downloads/pdf/Psychische-Belastung-Gefaehrdungsbeurteilung-4-Auflage (abgerufen am 25.03.2026)

Weitere Artikel zu diesem Thema

Schwerpunkt
Sucht am Arbeitsplatz: Umgang mit betroffenen Beschäftigten
Sucht am Arbeitsplatz bleibt oft ein Tabuthema – selbst wenn die Folgen gravierend sind. Was aber sollten und müssen Führungskräfte tun, wenn Beschäftigte auffallen oder ihr Problem abstreiten? Frühzeitiges, klares Handeln kann Betroffenen den Weg aus der Abhängigkeit eröffnen und die Sicherheit und Gesundheit gewährleisten.
Dr. Marlen Cosmar  •  Dr. Martina Hamacher  •  Anja Mücklich   •  aktuelle Ausgabe
lesen
Schwerpunkt
Bedeutung der Früherkennung von Internetnutzungsstörungen bei Beschäftigten
Wie beeinflussen Internetnutzungsstörungen den Start ins Berufsleben und die Leistungsfähigkeit im Job? Der Beitrag beleuchtet aktuelle Erkenntnisse zu direkten und indirekten Effekten problematischer Internetnutzung – von eingeschränkter Arbeitsfähigkeit bis zu spürbaren Leistungseinbußen.
Miriam Endemann-de Anda   •  aktuelle Ausgabe
lesen
Schwerpunkt
„Schule kann einiges zur Prävention von Mediensucht beitragen“
Suchtgefahren digitaler Medien prägen die Debatte über den Schutz von Kindern und Jugendlichen. Im Gespräch mit DGUV forum ordnet Herbert Scheithauer, Professor für Entwicklungs- und Klinische Psychologie an der Freien Universität Berlin, das Phänomen ein und beschreibt Folgen sowie die Rolle der Schule für die Prävention.
aktuelle Ausgabe
lesen

Wie gefällt Ihnen die DGUV forum? Haben Sie Vorschläge für Verbesserungen?

Äußerst unzufrieden
Äußerst zufrieden