Selbstoptimierung im Arbeitsschutz – Trendthema im DGUV-Risikoobservatorium
Das DGUV-Risikoobservatorium hat Selbstoptimierung als einen Top-Trend für den Arbeitsschutz identifiziert. Sichere und gesunde Arbeit erfordert eine ständige Bewertung technologischer Potenziale und Risiken, um Arbeit und Bildung durch eine angepasste, zukunftsgerichtete Prävention menschenzentriert zu gestalten.
Key Facts
- Selbstoptimierung – besonders durch Neuroenhancement – nimmt in der modernen Arbeits- und Bildungswelt zu
- Konsum leistungssteigernder Substanzen kann die Sicherheit und Gesundheit sowie Zusammenarbeit gefährden
- Präventionsstrategien sollten einer übersteigerten Selbstoptimierung entgegenwirken und psychosoziale Ressourcen stärken
Unter Selbstoptimierung versteht man den permanenten Prozess der Verbesserung der eigenen körperlichen, psychischen, geistigen oder sozialen Fertigkeiten und Eigenschaften. Dazu zählen (berufliche) Leistungsfähigkeit, Gesundheit, Fitness, Selbstdisziplin, ein attraktives beziehungsweise jugendliches Erscheinungsbild, daneben aber auch Fähigkeiten wie Selbstreflexion und Empathie. Selbstoptimierung gilt als ein Leitbild der modernen individualisierten Gesellschaft. Fachleute sprechen gar von einer „Optimierungsgesellschaft“, weil die Bestrebungen dahingehend – insbesondere gefördert durch Social Media – eine bislang unbekannte Bedeutung und öffentliche Aufmerksamkeit erlangt haben. Auch der boomende Wellnesssektor spiegelt dies wider.[1]
Enhancement ist eine Sonderform der Selbstoptimierung und bezieht sich auf technologische Methoden.[2] Als sogenanntes Neuroenhancement („Hirndoping“) bezeichnet man den Versuch gesunder Personen, ihre geistige Leistungsfähigkeit zu steigern. Eine breitere Definition umfasst den Einsatz aller Möglichkeiten – inklusive pharmakologischer, neurotechnologischer und chirurgischer Eingriffe.[3] Üblicherweise versteht man darunter allerdings nur die Einnahme psychoaktiver Substanzen mit dem Ziel, Aufmerksamkeit, Konzentration und Gedächtnis zu verbessern und berufliche Stresssituationen besser zu verkraften.[4]
Meist werden drei Gruppen psychoaktiver Substanzen als Neuroenhancer eingesetzt:
- nicht verschreibungspflichtige Substanzen, zum Beispiel Kaffee, Koffeintabletten, koffeinhaltige Energydrinks, Ginkgo biloba,
- verschreibungspflichtige Medikamente, zum Beispiel Methylphenidat (Ritalin) oder Antidepressiva und
- illegale Substanzen wie Kokain, Ecstasy, Methamphetamin.[4]
Microdosing beschreibt den regelmäßigen Einsatz von Psychedelika wie etwa Lysergsäurediethylamid (LSD) oder halluzinogenen Pilze in extrem geringer Dosierung. Anwendende wollen ihre Kreativität und mentale Leistungsfähigkeit steigern, Stress mildern und negative Gefühle dämpfen – ohne die für LSD typischen Halluzinationen.[5]
Neuroenhancement: verbreitet, aber überschätzt
Laut einer Befragung aus dem Jahr 2023 nehmen 70 Prozent der Deutschen Substanzen zur Leistungssteigerung. 64,2 Prozent der Befragten gaben an, in den letzten zwölf Monaten koffeinhaltige Getränke wie Kaffee oder Energydrinks konsumiert zu haben, gefolgt von Nahrungsergänzungsmitteln und Hausmitteln (31,4 Prozent). 3,7 Prozent nehmen ohne medizinische Notwendigkeit verschreibungspflichtige Mittel ein. Etwa 40 Prozent der Befragten gaben an, sich vorstellen zu können, leistungssteigernde Medikamente zu nehmen. Cannabis ist von 4,1 Prozent der Befragten konsumiert worden.[6]
Die Studienlage zu den Wirkungen, Nebenwirkungen und Langzeiteffekten von Neuroenhancern bei gesunden Personen ist insgesamt unzureichend.[4] Untersuchungen zeigen aber, dass Stimulanzien meist hinter den subjektiven Erwartungen zurückbleiben.[7] Tierexperimentelle Daten aus dem Jahr 2024 geben allerdings Hinweise darauf, dass es möglich sein kann, mittels cannabinoider Arzneimittel kognitive Funktionen zu verbessern.[8]
Bei Personen mit einem bereits hohen Leistungsniveau kann die Einnahme von Neuroenhancern kontraproduktiv sein und die
geistige Leistungsfähigkeit verringern.
Bei der Selbstoptimierung wird „Biohacking“ immer beliebter. Anhänger von Biohacking nutzen Wearables, Geräte und sogar Chip-Implantate[9], um Körper- und Schlafdaten (permanent) zu überprüfen. So wollen sie ein maximales Verständnis für den eigenen Körper entwickeln und ihn gezielt verbessern, die körperliche und mentale Energie stärken und dauerhaft ein besseres Lebensgefühl, Leistungsfähigkeit und Gesundheit erreichen. Ziel ist es außerdem, dem Alterungsprozess entgegenzuwirken.[10]
Zahlreiche Belastungsfaktoren, die mit der modernen Arbeitswelt und Bildungswelt in Verbindung stehen, können die Einnahme von Neuroenhancern fördern. Dazu gehören zum Beispiel hoher Termin- und Leistungsdruck, hohe emotionale Beanspruchung, ständige Verfügbarkeit, enge Zeitfenster und ein geringer Handlungsspielraum, überlange Arbeitszeiten, lang andauerndes Arbeiten in Schichtarbeit, aber auch Prüfungsangst und Sorgen um den Arbeitsplatz. Ein starker Leistungswettbewerb in Unternehmen und damit verbundenes Konkurrenzdenken – besonders unter Führungskräften – können Neuroenhancement ebenfalls Vorschub leisten.[7], [11]
Folgen für Sicherheit und Gesundheit
Eine Steigerung zumindest einzelner Aspekte der geistigen Leistungsfähigkeit bei gesunden Personen ist nur für die Substanzen Koffein, Methylphenidat, Amphetamine und Modafinil nachgewiesen.[4], [12] Die Wirkung kann im Einzelfall sehr unterschiedlich ausfallen. Je niedriger die Leistungsfähigkeit zu Beginn der Einnahme ist, desto mehr profitiert die jeweilige Person. Bei Personen mit einem bereits hohen Leistungsniveau kann die Einnahme von Neuroenhancern sogar kontraproduktiv sein und die geistige Leistungsfähigkeit verringern.[4] Grundsätzlich scheinen die Effekte wenig vorhersehbar zu sein. In einem Experiment mit 40 Personen aus dem Jahr 2023 haben Methylphenidat, Dextroamphetamin und Modafinil bei psychisch gesunden Probandinnen und Probanden die kognitiven Leistungen verschlechtert, obwohl sie sich mit einer erhöhten Anzahl an Lösungsversuchen mehr anstrengten.[13]
Stimulanzien wie Methylphenidat bergen gesundheitliche Risiken und ein Abhängigkeitspotenzial, das möglicherweise schon bei einmaliger Einnahme auftreten kann. Mögliche Folgen sind: Kopfschmerzen, Schwindel, übermäßige Nervosität, Schweißausbrüche, Schlafstörungen, Herzrhythmusstörungen, Organschäden, Krampf- und epileptische Anfälle.[7] Sogar psychische Erkrankungen wie Manien oder Psychosen sind durch Ritalin oder Amphetamine möglich.[12] So drohen Leistungseinbußen und Konzentrationsmängel. Vor allem können Nutzende sich und andere am Arbeitsplatz gefährden und das Risiko für Unfälle erhöhen. Belastende Arbeitsbedingungen wie hoher Zeitdruck, anspruchsvolle Tätigkeiten und besonders Schichtarbeit können den Griff zu Neuroenhancern wahrscheinlicher machen.[14]
Mithilfe von Biohacking und Neuroenhancement ist vermeintlich jede Person in der Lage, die eigene Leistungsfähigkeit zu steigern. Personen, die Neuroenhancer ablehnen, können so in das Dilemma gedrängt werden, entweder Nachteile in Beruf oder Ausbildung in Kauf zu nehmen oder gegen ihren eigentlichen Willen zu solchen Mitteln zu greifen.[15] Es besteht die Gefahr, dass Arbeitgebende Arbeitsbedingungen nicht strukturell verbessern, sondern die Verantwortung an die einzelne Person weitergeben, weil diese ja vermeintlich über eine ausreichende Leistungsfähigkeit verfügen.[16], [17]
Schon bei Jugendlichen kann der Wunsch nach Selbstoptimierung zum Problem werden – aufgrund des früh beginnenden Konkurrenzwettbewerbs, eines hohen Leistungsdrucks oder aus Prüfungsangst. Die gesundheitsschädlichen Folgen sind für Heranwachsende deutlich massiver.[18] Anlass zur Sorge dürfte geben, dass bei Jugendlichen ein hohes Informationsdefizit zur kognitiven Leistungssteigerung besteht – sowohl beim Wissen um die Wirkung als auch um die gesundheitlichen Nebenwirkungen der Substanzen.[19]
Alternative Methoden zur Selbstoptimierung wie Sport, Yoga, gesunde Ernährung oder Stressabbau durch Meditation können allerdings nachhaltige und gesunde Wege zur Verbesserung des Wohlbefindens und der Leistungs- und Arbeitsfähigkeit bieten. Unterstützend können Beratungen und Informationen von Fachleuten wirken, aber auch der (moderate) Einsatz von Apps, etwa zur Förderung der mentalen Gesundheit oder der Work-Life-Balance.
Ausblick für den Arbeitsschutz
- Die Wirksamkeit der bekannten Präparate zum Neuroenhancement – die zu einem großen Teil illegal oder verschreibungspflichtig sind – ist bis dato begrenzt oder nur von kurzer Dauer. Der Nutzen wird meist überschätzt und Nebenwirkungen werden unterschätzt. Deutlich effektivere Substanzen stehen in absehbarer Zeit nicht zur Verfügung.
- Die Nutzung von Neuroenhancern ist bereits verbreitet. Die durch Krisen und wachsende Komplexität gekennzeichneten Lebensbedingungen leisten dem Trend zur Selbstoptimierung potenziell weiter Vorschub. Weil junge Versicherte im Bildungswesen hiervon ebenso betroffen sind wie Arbeitnehmende, sollte die Unfallversicherung dieser Entwicklung besondere Aufmerksamkeit schenken. Es ist Voraussicht geboten. Der Trend sollte aufmerksam verfolgt werden.
- Der Leistungserhalt steht im Vordergrund von Neuroenhancement: Arbeitsverdichtung und Leistungsdruck sind vor diesem Hintergrund präventionsstrategische Schlüsselbegriffe.
- Kognitiven und emotionalen Überforderungen kann durch entsprechende Arbeitsgestaltung und entsprechenden Kompetenzerwerb vorgebeugt werden. Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung – auch in Kooperation mit der Krankenversicherung – können unterstützend wirken. Aufklärung bezüglich Neuroenhancement ist bereits in der Schule sinnvoll.
Der vollständige Trendbericht aus dem DGUV-Risikoobservatorium findet sich hier:
publikationen.dguv.de Webcode: p022528
Fußnoten
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Global Wellness Institute, The Global Wellness Economy Reaches a New Peak of $6.3 Trillion – And Is Forecast to Hit $9 Trillion by 2028, https://globalwellnessinstitute.org/press-room/press-releases/the-global-wellness-economy-reaches-a-new-peak-of-6-3-trillion-and-is-forecast-to-hit-9-trillion-by-2028/ (abgerufen am 8.1.2025)
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Bundeszentrale für politische Bildung, Selbstoptimierung, https://www.bpb.de/themen/umwelt/bioethik/311818/selbstoptimierung/ (abgerufen am 6.1.2025)
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Wikimedia Foundation Inc., Neuro-Enhancement, https://de.wikipedia.org/wiki/Neuro-Enhancement (abgerufen am 8.1.2024)
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Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL), Neuroenhancement: Doping für das Gehirn, https://www.lgl.bayern.de/gesundheit/arzneimittel/warnungen_verbraucherinformationen/verbraucherinformationen/neuroenhancement.htm (abgerufen am 12.12.2024)
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Pronova BKK , LSD-Microdosing: Harmloses Hirndoping oder gefährlicher Trend?, https://magazin.pronovabkk.de/ausgabe-1-2024/cannabiskonsum/lsd-microdosing/ (abgerufen am 3.1.2025)
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Taylor & Francis Group , Prevalence of Legal, Prescription, and Illegal Drugs Aiming at Cognitive Enhancement across Sociodemographic Groups in Germany, https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/01639625.2024.2334274#abstract (abgerufen am 12.12.2024)
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Barmer, Neuroenhancement: Doping fürs Gehirn?, https://www.barmer.de/gesundheit-verstehen/medizin/medikamente/neuroenhancement-1140638#Wie_wirken_Methylphenidat_und_Modafinil_im_Gehirn-1140638 (abgerufen am 12.12.2024)
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Deutscher Apotheker Verlag Dr. Roland Schmiedel GmbH & Co. KG, Hirndoping mit Cannabis - Verbessert THC die Hirnleistung?, https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2024/daz-46-2024/hirndoping-mit-cannabis (abgerufen am 05.11.2025)
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Avoxa – Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH, Immer mehr Biohacker unterwegs, https://www.pharmazeutische-zeitung.de/immer-mehr-biohacker-unterwegs-142454/seite/2/?cHash=93c741038692339320b4af378234a5ed (abgerufen am 27.2.2025)
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AOK Sachsen-Anhalt, Biohacking, https://www.deine-gesundheitswelt.de/sport-bewegung/biohacking (abgerufen am 15.1.2024)
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Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung e. V., Neuroenhancement – Hirndoping am Arbeitsplatz, https://publikationen.dguv.de/widgets/pdf/download/article/3072#:~:text=Enge%20Vorgaben%20und%20wenig%20Handlungsspielraum,steigt%20mit%20der%20w%C3%B6chentlichen%20Arbeitszeit (abgerufen am 10.1.2025)
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Universität Erfurt, Deutschlands größte repräsentative Studie über „Hirndoping“ veröffentlicht, https://www.uni-erfurt.de/universitaet/aktuelles/news/news-detail/deutschlands-groesste-repraesentative-studie-ueber-hirndoping (abgerufen am 16.12.2024)
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American Association for the Advancement of Science, Not so smart? “Smart” drugs increase the level but decrease the quality of cognitive effort, https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.add4165 (abgerufen am 3.1.2025)
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Georg Thieme Verlag KG, Neuroenhancement in Deutschland am Beispiel von vier Berufsgruppen, https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/a-1026-6157 (abgerufen am 20.1.2025)
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Deutscher Ärzteverlag GmbH, Neuroenhancement: Falsche Voraussetzungen in der aktuellen Debatte, https://www.aerzteblatt.de/archiv/79523/Neuroenhancement-Falsche-Voraussetzungen-in-der-aktuellen-Debatte (abgerufen am 21.1.2025)
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DAK Forschung, DAK-Gesundheitsreport 2015, https://caas.content.dak.de/caas/v1/media/48538/data/deb91ba0391001f693fc315d021fa72d/150317-download-bericht-gesundheitsreport-2015.pdf (abgerufen am 16.12.2024)
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Verlagsgesellschaft Madsack GmbH & Co. KG, Nicht jeder Stress lässt sich einfach wegatmen, https://www.rnd.de/wissen/gesundheit-im-fokus-warum-selbstoptimierung-oft-scheitert-IPTE5I2NKZHFDKMFF5VMUJ77KA.html (abgerufen am 8.1.2025)
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MMCD NEW MEDIA GmbH, Hirndoping kann bleibende Folgen haben, https://www.scinexx.de/news/medizin/hirndoping-kann-bleibende-folgen-haben/ (abgerufen am 27.2.2025)
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Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), „Hirndoping“ – lernen leicht gemacht mit Pillen?, https://www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/hirndoping-lernen-leicht-gemacht-mit-pillen-6120.php (abgerufen am 27.2.2025)