Seit Januar 2026 erscheint die DGUV forum 6 Mal pro Jahr, jeweils in den geraden Monaten.
Ausgabe 3/2026

Zwei Jahre BGW Wanderausstellung „In Würde Abschied nehmen“

Wissenschaftliche Erkenntnisse so aufzubereiten, dass sie in der Praxis nachhaltig wirken, ist eine Herausforderung. Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) und die Dialogue Impact Enterprise gGmbH haben einen neuen Weg gewählt: Sie machen Wissen in einer interaktiven Ausstellung erlebbar.

Key Facts

  • Ein Modul eines Präventionsprogramms bildet die Grundalge für ein Ausstellungsformat, das medizinisches Personal für den Umgang mit Tod und Trauer sensibilisiert
  • Die Ausstellung ist studienbasiert
  • Seit zwei Jahren tourt die emotionsbasierte Ausstellung durch Deutschland und vermittelt Inhalte in einem kompakten, erlebnisorientierten Workshop-Format

Zur Stärkung und Entwicklung der methodischen, sozialen und personalen Kompetenzen von Pflegekräften hat die BGW ein Präventionsangebot entwickelt und evaluiert. Es setzt methodisch sowohl auf der Verhältnis- als auch auf der Verhaltensebene an.[1], [2] Einbezogene Studien für das Präventionsangebot zeigen Erkenntnisse, die noch immer aktuell sind:

  • Teams sind häufig personell unterbesetzt.
  • Es fehlt eine geeignete räumliche Ausstattung – beispielsweise ein Pausenraum für Beschäftigte.
  • Angehörige, die das medizinische Personal in die Betreuung des Sterbenden einbeziehen möchten, bleiben der Einrichtung fern.
  • Oft bleibt zu wenig Zeit, um sich in Ruhe um die Bedürfnisse eines sterbenden Patienten zu kümmern.

Derzeitige Studien zeigen ähnliche Ergebnisse in der Palliativ-Care-Arbeit. Allgemein sind Beschäftigte in medizinischen Berufen hohen psychischen und physischen Belastungen ausgesetzt.[3], [4] Während der Corona-Pandemie stieg die psychische Belastung nochmals deutlich.[5], [6]

Besonders tiefgreifend war, dass Angehörige in dieser Zeit nicht in Krankenhäuser oder Pflegeeinrichtungen durften. Dadurch waren medizinisches, Verwaltungs-, Reinigungs- und Küchenpersonal oft die einzigen Bezugspersonen. Die Kombination aus steigenden Patientenzahlen, verstärkten Hygienemaßnahmen und hoher Arbeitsdichte belastete die Beschäftigten zusätzlich.

Das Ziel der Ausstellung ist es, dem ärztlichen, pflegerischen, therapeutischen und ehrenamtlichen Personal Impulse für eine achtsame Sterbebegleitung und gleichzeitig Handwerkszeug für eine gute Selbstfürsorge mit auf den Weg zu geben, um vor chronischer Erschöpfung zu schützen. Außerdem möchte die Ausstellung dazu anregen, Ressourcen bei der Arbeit zu erschließen.

Sterbebegleitung – ein Präventionsthema

Die BGW hat zum Thema Sterbebegleitung Studien durchgeführt, ein Qualifizierungsprogramm und Seminare entwickelt. Doch es fehlte ein niedrigschwelliger Rahmen, in dem direkter Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus der Palliativversorgung möglich ist – insbesondere nach der Pandemie, als auch Beschäftigte außerhalb der Palliativstationen vermehrt Sterbebegleitung leisteten.

Aus einem Baustein des oben genannten Präventionsangebots „Umgang mit Tod und Sterben“ wurde daher ein Ausstellungskonzept entwickelt.[7] Es basiert auf mehreren zentralen Faktoren: einem niedrigschwelligen Zugang, einer ansprechenden und erlebnisorientierten Gestaltung, einem vertrauensvollen Rahmen durch die professionelle Begleitung von Palliativ-Guides sowie einem starken Gruppenerlebnis, das Austausch und Partizipation ermöglicht. Darüber hinaus sorgt die Ausstellung an besonderen, öffentlich zugänglichen Orten in verschiedenen Regionen für die Sichtbarkeit und Wertschätzung der Pflegearbeit.

In der Ausstellung werden Themen mithilfe von Exponaten und interaktiven Elementen vermittelt, beispielsweise:

  • Verständnis für die besondere Lebenssituation Sterbender
  • Kommunikation mit Sterbenden und Angehörigen
  • Gestaltung einer vertrauensvollen Gesprächsatmosphäre
  • Reflexion des eigenen Verhältnisses zum Thema Tod
  • Reflexion der Ängste und Sorgen der Teilnehmenden
  • Bewusstsein für Ressourcen (persönlich, im Team und extern)
  • Wie kann ich Verantwortung auf mehrere Personen übertragen?

In einem Rollenspiel in Kleingruppen, mit extra angefertigten Puppen und Rollenbeschreibungen, kann ausprobiert werden, wie die Kommunikation mit dem Sterbenden sowohl professionell als auch achtsam durchgeführt werden kann und welche Unterschiede es im Kommunikationsstil gibt.

Die beiden Guides Ralf Kaulbersch und Svenja Uhrig, im Hintergrund eine Puppenauswahl: Anleitung zur Gruppenarbeit (Bild: BGW)

Wahl des Formats

Beim Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse ist entscheidend, ein passendes Format zu finden.

Broschüren und Seminare bleiben wichtig, doch in einer digital und zeitlich verdichteten Arbeitswelt – besonders im Gesundheitswesen – braucht es kompakte, flexible Angebote, die insbesondere bei einer mit Ängsten und Sorgen besetzten Thematik theoretisches Wissen um soziales und emotionales Lernen ergänzen. Für diesen Prozess braucht es Raum. Inhaltlich konzentriert sich die Wanderausstellung daher auf zwei Kernthemen:

  1. Kommunikation mit Sterbenden und deren Angehörigen
  2. Selbstfürsorge des medizinischen Personals

In dreieinhalb Stunden erleben die Teilnehmenden eine methodisch aufbereitete Kombination aus Audio-, Video- und Interaktionselementen. Guides aus der Palliativpflege – speziell geschult in Gesprächsführung – leiten durch die Ausstellung, eröffnen Perspektiven und begleiten die Gruppe. Die Wanderausstellung ist gleichermaßen ein gestalteter, materieller Raum als auch ein sozialer Raum, in dem eine kritische Reflexion von Glaubenssätzen, Wissen und Handeln erfolgen kann. Wissen erfährt eine Kontextualisierung durch die Teilnehmenden: Was bedeuten die Themen für mich und andere in meiner Gruppe?

Das Konzept folgt der Theorie des transformativen Lernens nach Jack Mezirow.[8] Teilnehmende werden zunächst eingeladen, einen Schritt aus ihrer Komfortzone zu machen. So begegnen sie zum Beispiel eigenen Ängsten und Sorgen, die mit der Begleitung von Sterbenden verbunden sein können. Über eine Reihe von Interaktionen in der Gruppe werden sie angeregt, ihre Sichtweisen zu reflektieren und zu erweitern sowie Ressourcen zu erarbeiten, um inklusiver, differenzierter und emotional offener zu handeln. Die Ausstellung verbindet „Hands-On“-, „Hearts-On“- und „Minds-On“-Elemente.

Ausstellungsorte

Nach der Corona-Pandemie startete die Wanderausstellung „In Würde Abschied nehmen (IWAN)“ am ersten Standort, im Museum der Arbeit in Hamburg.

Das Marketing schloss ein Mailing an Hamburger und im Umkreis befindliche Pflegeschulen, Universitäten sowie Krankenhäuser und Altenpflegeeinrichtungen ein. Über die BGW wurde für die Teilnahme an der Veranstaltung geworben. Ähnlich wurde auch in den anderen Regionen vorgegangen.

Für Kongresse wurde eine kleinere Variante der Ausstellung entwickelt und eingesetzt: beim Deutschen Pflegetag in Berlin 2022 (Pretest), 2024 – und geplant 2026; außerdem beim BGW forum 2023 und auch beim Deutschen Fürsorgetag 2025.

Zwischenbilanz

Die Wanderausstellung ist in zwei Jahren in vier Städten präsent gewesen; bisher haben 5304 Personen teilgenommen. Auf den Fachkongressen konnten weitere Fachkräfte und Verantwortliche in Krankenhäusern, (Alten-)Pflegeeinrichtungen sowie ambulanten Diensten einen Einblick in mögliche Ressourcen der Sterbebegleitung erhalten. Im Jahr 2026 reist die Ausstellung weiter nach Halle und Würzburg.

Über Kurzfragebogen, Feedbackrunden mit den Guides und Gästebücher bekommt die BGW das Feedback der Teilnehmenden.

Die Zwischenbilanz zeigt Folgendes:

Tabelle 1: Zwischenbilanz der Ausstellung

Die Ausstellung „In Würde Abschied nehmen“ hat die Regionen Nord-, Süd-, West- und Ostdeutschland bereist, mit sehr gutem Feedback. Sie reist weiter.

Wann welche Methode für den Transfer von studienbasierten Erkenntnissen eingesetzt wird, bleibt eine Kunst aller Akteure.

Fußnoten

  1. Gregersen, S., Zimber, A., Kuhnert, S., Nienhaus, A. (2010): Betriebliche Gesundheitsförderung durch Personalentwicklung Teil II: Praxistransfer eines Qualifizierungsprogramms zur Prävention psychischer Belastungen [Workplace health promotion through human resources development part II: practical transfer of qualification programme for prevention of psychic stresses]. In: Gesundheitswesen, 72(4), S. 216-21 [doi]. https://doi.org/10.1055/s-0029-1215559

  2. Zimber, A., Gregersen, S., Kuhnert, S., Nienhaus, A. (2010): Betriebliche Gesundheitsforderung durch Personalentwicklung Teil I: Entwicklung und Evaluation eines Qualifizierungsprogramms zur Pravention psychischer Belastungen. [Workplace health promotion through human resources development part I: development and evaluation of qualification programme for prevention of psychic stresses]. In: Gesundheitswesen, 72(4), S. 209-15. https://doi.org/10.1055/s-0029-1214403

  3. Tanner, G., Bamberg, E., Kersten, M., Kozak, A., Nienhaus, A. (2017): Zusammenhang von Arbeitszeiten und Gesundheitsbeeinträchtigungen. Unterschiede zwischen Vollzeit- und Teilzeit-Beschäftigten. [The Relationship Between Working Time and Ill Health]. In: Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie A&O, 61(4), S. 181-96. https://doi.org/https://doi.org/10.1026/0932-4089/a000242

  4. Wesselborg, B., Bauknecht, J. (2025): Psychische Erschöpfung in den Pflegeberufen: eine quantitative Querschnittstudie zu Belastungs- und Resilienzfaktoren. In: Prävention und Gesundheitsförderung, 20(1), S. 141-47. https://doi.org/10.1007/s11553-023-01085-w

  5. Riedel-Heller, S., Bohlken, J. (2020): Psychische Folgen für Bevölkerung und medizinisches Personal. In: NeuroTransmitter, 31(11), S. 38-42. https://doi.org/10.1007/s15016-020-7561-3

  6. Kramer, V., Thoma, A., Kunz, M. (2021): Medizinisches Fachpersonal in der COVID-19-Pandemie: Psyche am Limit. In: InFo Neurologie + Psychiatrie, 23(6), S. 46-53. https://doi.org/10.1007/s15005-021-1975-8

  7. Kersten, M., Basler, M., Schatte, M., Meyer, A. (2023): BGW-Wanderausstellung „In Würde Abschied nehmen“. In: ASU Arbeitsmed Sozialmed Umweltmed, 58(04), S. 240-42. https://doi.org/10.17147/asu-1-266304

  8. Mezirow, J., Learning to think like and adult. Core concepts of transformation theory. In: J. Mezirow and & Associates (Hrsg.): Learning as Transformation: Critical Perspectives on a Theory in Progress, San Francisco 2000, S. 3-34.

Weitere Artikel zu diesem Thema

Schwerpunkt
Sucht am Arbeitsplatz: Umgang mit betroffenen Beschäftigten
Sucht am Arbeitsplatz bleibt oft ein Tabuthema – selbst wenn die Folgen gravierend sind. Was aber sollten und müssen Führungskräfte tun, wenn Beschäftigte auffallen oder ihr Problem abstreiten? Frühzeitiges, klares Handeln kann Betroffenen den Weg aus der Abhängigkeit eröffnen und die Sicherheit und Gesundheit gewährleisten.
Dr. Marlen Cosmar  •  Dr. Martina Hamacher  •  Anja Mücklich   •  aktuelle Ausgabe
lesen
Schwerpunkt
Bedeutung der Früherkennung von Internetnutzungsstörungen bei Beschäftigten
Wie beeinflussen Internetnutzungsstörungen den Start ins Berufsleben und die Leistungsfähigkeit im Job? Der Beitrag beleuchtet aktuelle Erkenntnisse zu direkten und indirekten Effekten problematischer Internetnutzung – von eingeschränkter Arbeitsfähigkeit bis zu spürbaren Leistungseinbußen.
Miriam Endemann-de Anda   •  aktuelle Ausgabe
lesen
Schwerpunkt
„Schule kann einiges zur Prävention von Mediensucht beitragen“
Suchtgefahren digitaler Medien prägen die Debatte über den Schutz von Kindern und Jugendlichen. Im Gespräch mit DGUV forum ordnet Herbert Scheithauer, Professor für Entwicklungs- und Klinische Psychologie an der Freien Universität Berlin, das Phänomen ein und beschreibt Folgen sowie die Rolle der Schule für die Prävention.
aktuelle Ausgabe
lesen

Wie gefällt Ihnen die DGUV forum? Haben Sie Vorschläge für Verbesserungen?

Äußerst unzufrieden
Äußerst zufrieden