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Ausgabe 5/2026

Kennzahlen für Sicherheit und Gesundheit in Unternehmen implementieren

Unternehmen nutzen vielfältige Kennzahlen, um die Erreichung unternehmerischer Ziele abzubilden. Für Sicherheit und Gesundheit steht hier häufig die Anzahl der Arbeitsunfälle im Mittelpunkt. Proaktive Kennzahlen wie die Anzahl an Sicherheitsunterweisungen oder sicherheitsbezogene Beobachtungen fließen dagegen kaum ein.

Key Facts

  • Sicherheit und Gesundheit sind in Unternehmen häufig nicht zentral in Managementprozesse implementiert
  • Geeignete Kennzahlen tragen dazu bei, Sicherheit und Gesundheit stärker in den Fokus des Managements zu rücken
  • Zur Verbreitung und Akzeptanz solcher Kennzahlen hat die DGUV Akademie eine Befragung durchgeführt

Im modernen Arbeitsschutz sind Kennzahlen oder Key Performance Indicators (KPIs) und die darauf aufbauenden Kennzahlensysteme als Steuerungs- und Managementinstrumente zunehmend bedeutsam.[1] Obwohl keine gesetzlichen Vorgaben eine verpflichtende Anwendung solcher Systeme vorsehen, bilden sie in der betrieblichen Praxis eine wesentliche Grundlage zur Analyse, Bewertung und Weiterentwicklung von Arbeitsschutzprozessen. Die durch Kennzahlensysteme erhobenen Daten ermöglichen eine objektive Einschätzung des aktuellen Zustands und unterstützen zugleich die strategische Ausrichtung sowie die Umsetzung eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses. Unternehmen steht eine Vielzahl von Kennzahlen zur Verfügung. Diese können individuell ausgewählt, erhoben und an die jeweilige Organisationsstruktur sowie die spezifischen betrieblichen Anforderungen angepasst werden, um ein zielgerichtetes und wirksames Arbeitsschutzmanagement zu fördern.

Es können unterschiedlich ausgerichtete Kennzahlen zum Einsatz kommen.[2] Sogenannte Lagging- oder auch reaktive Kennzahlen beziehen sich auf vergangenheitsbezogene Daten, zum Beispiel auf die Anzahl gemeldeter Unfälle oder die Anzahl unfallfreier Tage. Sie erfassen den Stand des Arbeitsschutzes im Rückblick und im Vergleich zu anderen Unternehmen. Demgegenüber bilden sogenannte Leading- oder auch proaktive Kennzahlen umsetzbare Maßnahmen oder veränderbare Bedingungen ab, die helfen können, zukünftige Vorfälle zu vermeiden. Beispiele dafür sind die Anzahl der Sicherheitsbegehungen oder der Anteil von Beschäftigten und Führungskräften, die an Sicherheitsschulungen teilgenommen haben.[3]

Es besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass sich die Leistungsbewertung im Arbeitsschutz inzwischen deutlich über die ausschließliche Erfassung von Arbeitsunfällen hinaus entwickelt hat. Dennoch nimmt die Unfallzahl im betrieblichen Umfeld weiterhin eine besondere Stellung als Kennzahl ein.[4]

Obwohl die regelmäßige Veröffentlichung dieser Kennzahl beispielsweise in Nachhaltigkeits- oder CSR-Berichten keine Aussagen über die Qualität der zugrunde liegenden Überwachungsprozesse oder des internen Monitorings zulässt, unterstreicht sie deren anhaltende Bedeutung. Auch die fortdauernde öffentliche Berichterstattung trägt dazu bei, dass lagging indicators weiterhin eine hohe Aufmerksamkeit und Relevanz im betrieblichen Arbeitsschutz besitzen. Unternehmen sollten jedoch die Nutzung von leading indicators in jedem Fall parallel integrieren, um nachhaltig erfolgreich im Bereich Sicherheit und Gesundheit zu agieren.

Ein entscheidender Vorteil dieser kombinierten Herangehensweise besteht darin, dass durch ein gezieltes, proaktives Handeln im Vorfeld auch rückblickende Kennzahlen – wie etwa die Anzahl von Arbeitsunfällen – nachhaltig positiv beeinflusst werden können. Ein integrativer Managementansatz, der systematisch präventive Maßnahmen auf Basis geeigneter Indikatoren umsetzt, kann so beispielsweise zu einer signifikanten Reduktion der Unfallraten führen.

Einführung von Kennzahlen

Der Unternehmensführung beziehungsweise der Geschäftsleitung kommt bei der Einführung und langfristigen Verankerung von Kennzahlensystemen eine zentrale Bedeutung zu. Aufgrund ihrer strategischen Verantwortung ist sie dafür zuständig, geeignete organisatorische Rahmenbedingungen zu schaffen, notwendige Ressourcen bereitzustellen und klare Zielvorgaben festzulegen. Darüber hinaus spielt ihr persönliches Engagement eine wesentliche Rolle, da Führungskräfte als Vorbilder fungieren und die Akzeptanz entsprechender Maßnahmen innerhalb der Organisation maßgeblich beeinflussen. Sheehan, Donohue, Shea, Cooper und De Cieri[2] heben in ihrer Untersuchung hervor, dass insbesondere Safety Leadership sowie das aktive Engagement des Managements entscheidende Erfolgsfaktoren für die Implementierung von Kennzahlensystemen im Arbeitsschutz darstellen.

Um die Verbreitung sowie Erfolgsfaktoren bei der Einführung von Key Performance Indicators im Bereich Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit branchenübergreifend zu analysieren, führte die DGUV Akademie eine standardisierte Online-Befragung durch. Neben Fragen zur Nutzung solcher Kennzahlen wurden auch die bei ihrer Einführung auftretenden Herausforderungen sowie wesentliche Erfolgsfaktoren erfasst.

Methode

Im Zeitraum von April bis Juni 2025 nahmen insgesamt 506 Personen aus Unternehmen verschiedener Größen und Branchen an der Befragung teil. Die Mehrheit der Teilnehmenden setzte sich aus Fachkräften für Arbeitssicherheit und Führungskräften zusammen. Der Fragebogen umfasste 25 teilweise geschlossene, teilweise offene Fragen und wurde über das Umfragetool evasys technisch realisiert. Über evasys wurden ein anonymer Link sowie ein QR-Code generiert, die zur Teilnahme an der Umfrage führten. Diese Zugangsdaten wurden über verschiedene Kommunikationskanäle verbreitet, unter anderem auf LinkedIn, in Fachforen wie der Internetseite Sifapage.de sowie im Rahmen von Führungskräfteseminaren der Berufsgenossenschaften. Zusätzlich wurde ein kurzer Informationsflyer mit integriertem QR-Code entwickelt, der digital verteilt wurde.

Ergebnisse

72 Prozent der Teilnehmenden gaben an, dass Kennzahlen zu Sicherheit und Gesundheit in ihrem Unternehmen ermittelt werden. Vor allem die Anzahl der Unfälle und Arbeitsunfähigkeitstage werden dokumentiert. Abbildung 1 zeigt, welche Kennzahlen wie oft erhoben werden.

Die Auswertung der Fragebögen zeigte, dass insbesondere Lagging-Kennzahlen wie die Anzahl der Arbeitsunfälle oder der Arbeitsunfähigkeitstage zu den am häufigsten eingesetzten Kennzahlen zählen.

Bei den Leading-Kennzahlen wurden vor allem Sicherheitsbegehungen und Unterweisungen genannt, gefolgt von der Erfassung von Beinahe-Unfällen sowie der Durchführung von Gefährdungsbeurteilungen. Insgesamt wird deutlich, dass die Nutzung reaktiver Kennzahlen unter den Befragten stärker verbreitet ist, als die Anwendung proaktiver Kennzahlen. Dies wird auch durch die offenen Antworten gestützt: Mehrere Teilnehmende berichteten, dass in ihren Unternehmen überwiegend vergangenheitsbezogene Kennzahlen verwendet werden, deren Erfassung häufig auf gesetzlichen Dokumentationspflichten basiert. Ein Beispiel hierfür ist die nach § 6 Abs. 2 Arbeitsschutzgesetz vorgeschriebene Dokumentation von Arbeitsunfällen.

Aus den Ergebnissen wird weiterhin deutlich, dass der Einsatz von KPIs zur Beurteilung der Unternehmensleistung mit zunehmender Unternehmensgröße häufiger erfolgt – sowohl allgemein als auch speziell im Bereich der Steuerung von Sicherheit und Gesundheit. Ein möglicher Grund hierfür ist, dass größere Unternehmen meist über stärker ausgeprägte Managementstrukturen, spezialisierte Fachabteilungen und etablierte Steuerungsprozesse verfügen, wodurch die Einführung und Nutzung von Kennzahlen erleichtert wird. Besonders verbreitet ist der Einsatz von KPIs zur Steuerung von Sicherheit und Gesundheit unter den befragten Unternehmen aus dem Gesundheits- und Sozialwesen sowie dem verarbeitenden Gewerbe.

Die Befragungsergebnisse legen weiterhin nahe, dass Kennzahlen in den Unternehmen der Befragten derzeit überwiegend zur Erfüllung externer Anforderungen eingesetzt werden und bislang nur in begrenztem Umfang als strategisches Instrument der Unternehmenssteuerung dienen. Gleichzeitig wurde in den qualitativen Rückmeldungen mehrfach der Wunsch geäußert, künftig verstärkt proaktive Kennzahlen einzusetzen und entsprechende Messgrößen zu etablieren, um präventive Maßnahmen gezielter steuern und bewerten zu können.

Befragte aus Unternehmen, in denen bislang keine KPIs eingesetzt werden, lehnen eine kennzahlenbasierte Steuerung grundsätzlich nicht ab. Sie bewerten deren Umsetzung jedoch häufig als anspruchsvoll und nur eingeschränkt praktikabel. Als Herausforderungen werden beispielsweise unzureichende Datengrundlagen oder Indikatoren genannt, die nicht den spezifischen Anforderungen des Unternehmens entsprechen. Darüber hinaus verdeutlichen die Ergebnisse, dass sowohl die Unternehmenskultur als auch die Haltung und Unterstützung der Führungskräfte wesentliche Einflussfaktoren für die Einführung und Nutzung von KPIs darstellen.

Weiterhin bestehen Unterschiede beim Unterstützungsbedarf: Unternehmen, die bisher keine KPIs für Sicherheit und Gesundheit nutzen, wünschen sich vorrangig konkrete Vorschläge und standardisierte Hilfestellungen, die die Einführung von KPIs erleichtern (Abbildung 2). Mehrere Teilnehmende wünschten sich explizit „konkrete Vorschläge: Welche Indikatoren sind besonders geeignet?“ oder „eine Auswahl valider Kennzahlen zur Auswahl“. Diese Rückmeldungen verdeutlichen, dass insbesondere in der frühen Phase der KPI-Einführung ein hoher Orientierungsbedarf vorliegt. Vor allem Unternehmen, die bislang keine Steuerungskennzahlen einsetzen, sehen einen Mehrwert in praxisnahen Vorlagen, Leitfäden und strukturierten Auswahlhilfen. Dies kommt auch in der Aussage „Standardisierte Vorschlagslisten oder einfache Excel-Vorlagen wären sehr hilfreich“ zum Ausdruck. Insgesamt stützen die Antworten die Annahme, dass fehlende Orientierung und mangelnde methodische Unterstützung wesentliche Hemmnisse bei der Einführung von KPIs darstellen.

Darüber hinaus wird mehrfach der Wunsch nach gesetzlichen oder institutionellen Impulsen geäußert. Im Vordergrund steht dabei weniger die inhaltliche Ausgestaltung von Kennzahlen als vielmehr die Schaffung externer Anreize beziehungsweise verpflichtender Rahmenbedingungen. Ein Befragter bringt dies mit der Aussage „Gesetzliche Regelungen und Verpflichtungen, ohne Druck funktioniert das nicht!“ deutlich zum Ausdruck. Dies deutet darauf hin, dass einige Unternehmen die Einführung entsprechender Steuerungsinstrumente erst dann als prioritär erachten, wenn ein regulatorischer oder institutioneller Handlungsdruck besteht.

Für Unternehmen, die bereits mit KPIs arbeiten, steht die Verbesserung bestehender Systeme im Fokus, zum Beispiel durch eine transparente Kommunikation des Nutzens, eine Vereinfachung der Datenerfassung oder die Integration in Managementprozesse. Die Vereinfachung technischer Prozesse war ein zentrales Bedürfnis der Befragten, die sich digitale Tools zur Erhebung und Auswertung sowie zur Reduzierung manueller Erfassungsaufwände wünschten.

In der Beratung zur Umsetzung des Arbeitsschutzes ist es auf Basis dieser Ergebnisse sinnvoll, Unterstützungsangebote an die unterschiedlichen Reifegrade in den Unternehmen anzupassen. Unternehmen, die noch keine KPIs zur Steuerung von Sicherheit und Gesundheit nutzen, könnten beispielsweise durch konkrete Handlungsansätze, Praxisbeispiele oder Qualifizierungsangebote bei der Implementierung unterstützt werden. Unternehmen, die bereits mit KPIs arbeiten, können bei der Umsetzung von Verbesserungen unterstützt werden.

Fazit

Key Performance Indikatoren (KPIs) leisten einen wichtigen Beitrag, um Sicherheit und Gesundheit systematisch zu steuern und kontinuierlich weiterzuentwickeln. Sie machen den Erfolg von Präventionsmaßnahmen sichtbar, unterstützen eine vorausschauende Unternehmenssteuerung und helfen, Handlungsbedarfe frühzeitig zu erkennen. Gleichzeitig stärken sie die strategische Bedeutung von Sicherheit und Gesundheit, indem sie diese als gleichwertige Managementziele neben Wirtschaftlichkeit, Qualität und Produktivität etablieren. Damit dies gelingt, braucht es ein klares Bekenntnis der Unternehmensleitung sowie die konsequente Integration der Kennzahlen in die betrieblichen Steuerungs- und Entscheidungsprozesse.

Fußnoten

  1. Tenckhoff, B., & Siegmann, S. Vernetztes Betriebssicherheitsmanagement. Springer Vieweg, Berlin, 2019.

  2. Sheehan, C., Donohue, R., Shea, T., Cooper, B., & De Cieri, H. Leading and lagging indicators of occupational health and safety: The moderating role of safety leadership. Accident Analysis & Prevention, 2016, S. 130-138.

  3. Phinias, R. N. Benefits and challenges relating to the implementation of health and safety leading indicators in the construction industry: A systematic review. Safety Science, Vol. 163, 2023.

  4. Caldarescu, G., Florea, L., Nagit, G., & Bernevig, M.-A. The importance of performance indicators in occupational safety and health management - a review. MATEC Web of Conferences, 2021.

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