Arbeitswelt im Transformationsdruck – Ergebnisse des DGUV Barometers
Digitalisierung, Fachkräftemangel, Klimarisiken und politische Unsicherheiten verändern die Arbeitswelt. Unternehmen müssen wirtschaftliche Herausforderungen bewältigen und gleichzeitig sichere und gesunde Arbeitsbedingungen gewährleisten. Eine repräsentative Umfrage der DGUV zeigt, wie Erwerbstätige die Entwicklungen wahrnehmen.
Key Facts
- Die DGUV hat Erwerbstätige zu arbeitsbezogenen Belastungen, Unfallrisiken sowie zur betrieblichen Prävention und ihrem Beitrag zur Krisenfestigkeit von Unternehmen befragt
- Psychische Belastung wird als relevantes Thema der Arbeitswelt wahrgenommen, aber noch nicht überall systematisch erfasst
- Prävention stärkt Unternehmen und ihre Krisenfestigkeit. Betriebliche Sicherheitsfunktionen sind dabei wichtig
Das Barometer Arbeitswelt 2026[1] der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) untersucht, wie aktuelle Belastungen und Sicherheitsstrukturen wahrgenommen werden. Der Beitrag geht der Frage nach, wie sich Risikowahrnehmung und die Legitimation von Prävention in einer Arbeitswelt unter wachsendem Transformationsdruck entwickeln.
Methodisches Vorgehen
Im Auftrag der DGUV befragte forsa insgesamt 2.015 Erwerbstätige, darunter 544 Führungskräfte und Unternehmensleitungen, in Unternehmen und Einrichtungen mit mindestens zwei Beschäftigten. Die Online-Erhebung erfolgte vom 6. bis 19. Februar 2026 im Rahmen des forsa.omninet-Panels. Die Ergebnisse sind mit einer statistischen Fehlertoleranz von plus beziehungsweise minus 2,5 Prozentpunkten repräsentativ für Erwerbstätige in Deutschland.
Wirtschaftliche Lage und Herausforderungen
Die wirtschaftliche Situation von Unternehmen und Einrichtungen prägt maßgeblich die Rahmenbedingungen der Arbeit. Sie beeinflusst unter anderem den Handlungsspielraum für Investitionen, Personalplanung und auch für Maßnahmen der Arbeitssicherheit und des Gesundheitsschutzes.
Um ein aktuelles Bild zu erhalten, wurden die Befragten gebeten, die wirtschaftliche Lage ihres Unternehmens einzuschätzen und zentrale wirtschaftliche Herausforderungen zu benennen. Die Ergebnisse zeigen: 64 Prozent der Erwerbstätigen bewerten die wirtschaftliche Lage ihres Unternehmens als gut oder sehr gut, während 31 Prozent sie als weniger gut oder schlecht einschätzen. Als größte wirtschaftliche Herausforderungen nennen die Befragten Bürokratie und Vorschriften (56 Prozent), Personal- und Fachkräftemangel (51 Prozent) sowie Inflation und steigende Betriebskosten (41 Prozent).
Belastungen und Unfallrisiken am Arbeitsplatz
Zur Einschätzung der Arbeitssituation wurden die Erwerbstätigen nach Unfallrisiken an ihrem Arbeitsplatz befragt, dabei waren Mehrfachnennungen möglich. Am häufigsten nennen sie Risiken durch Stolpern, Rutschen oder Stürzen in Gängen und auf Treppen – rund die Hälfte sieht hierin eine potenzielle Gefährdung (53 Prozent). Rund ein Fünftel berichtet zudem von Risiken durch Bedrohungen, Übergriffe oder Gewalt (22 Prozent) sowie durch den Umgang mit Werkzeugen (21 Prozent) oder Maschinen (21 Prozent).
Neben Unfallrisiken wurden auch wahrgenommene Belastungen am Arbeitsplatz erfasst (siehe Abbildung 1). Am häufigsten berichten die Erwerbstätigen von Belastungen durch die Arbeitsorganisation, etwa durch häufige Störungen, hohe Arbeitsintensität oder unklare Zuständigkeiten (50 Prozent). Etwa ein Drittel nennt Belastungen, die aus den Arbeitsinhalten und -aufgaben selbst resultieren (35 Prozent). Zudem erleben 29 Prozent Belastungen in den sozialen Beziehungen am Arbeitsplatz. Etwas mehr als ein Fünftel fühlt sich durch die Arbeitszeitgestaltung (23 Prozent) oder die Arbeitsumgebung (22 Prozent) belastet. Körperliche Belastungen geben 20 Prozent an, während Belastungen durch Arbeitsmittel mit 8 Prozent vergleichsweise selten genannt werden.

Um besser zu verstehen, welche Faktoren aus Sicht der Beschäftigten das Unfallgeschehen beeinflussen können, wurden die Befragten auch nach unfallrelevanten Bedingungen im Arbeitsalltag gefragt. Wie Abbildung 2 zeigt, nennen die Erwerbstätigen am häufigsten eine hohe Arbeitsbelastung und Zeitdruck als möglichen Einflussfaktor für Unfälle (45 Prozent). Mit deutlichem Abstand folgen unzureichende Kommunikation (28 Prozent) sowie Überstunden infolge von Personalmangel (27 Prozent). Rund ein Fünftel der Befragten sieht ein schlechtes Betriebsklima (22 Prozent) oder fehlende Erholungszeiten beziehungsweise Pausen (19 Prozent) als unfallrelevante Faktoren.

Die Erwerbstätigen wurden des Weiteren gefragt, welche Risiken für Sicherheit und Gesundheit ihrer Einschätzung nach in ihrem Unternehmen oder ihrer Einrichtung künftig an Bedeutung gewinnen könnten. Die Ergebnisse zeigen, dass auch mit Blick in die Zukunft vor allem eine Zunahme psychischer Belastung erwartet wird (60 Prozent). Zudem werden veränderte Altersstrukturen der Belegschaften von fast der Hälfte als künftig relevanter Risikofaktor gesehen (48 Prozent). Danach folgen Risiken durch Cyberangriffe (45 Prozent), Informationsverluste (31 Prozent) sowie durch den Einsatz von Anwendungen mit künstlicher Intelligenz (27 Prozent). Stromausfälle werden von jedem Fünften als künftig bedeutsames Risiko genannt (20 Prozent).
Gefährdungsbeurteilung und psychische Risiken
Neben der Wahrnehmung von Risiken und Belastungen erfasst das DGUV Barometer zentrale Maßnahmen der betrieblichen Prävention. Das wichtigste Instrument zur systematischen Ermittlung von Gefährdungen ist die Gefährdungsbeurteilung gemäß Paragraf 5 Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG). 65 Prozent der befragten Führungskräfte geben an, dass in ihrem Unternehmen beziehungsweise ihrer Einrichtung die Gefährdungsbeurteilung durchgeführt wird. 17 Prozent berichten, dass dies nicht der Fall ist, während 18 Prozent dazu keine Angabe machen können (siehe Abbildung 3).
In diesem Zusammenhang wurde auch die Beteiligung der Beschäftigten an der Bewertung von Gefährdungen erhoben. 22 Prozent der Führungskräfte – insbesondere in größeren Unternehmen – geben an, dass Beschäftigte regelmäßig und systematisch einbezogen werden. Weitere 25 Prozent berichten, dass dies zumindest gelegentlich geschieht.
Dort, wo die Gefährdungsbeurteilung durchgeführt und Beschäftigte beteiligt werden, erfolgt die Einbindung auf unterschiedliche Weise. Am häufigsten werden Beschäftigtenbefragungen, die Teilnahme an Begehungen oder Arbeitsplatzrundgängen (je 59 Prozent) sowie Sicherheits- oder Teamgespräche (47 Prozent) genannt.
Unter den Führungskräften, die die Gefährdungsbeurteilung durchführen, geben 48 Prozent an, dass auch arbeitsbedingte psychische Belastung erfasst wird. 36 Prozent berücksichtigen diesen Aspekt nicht und 16 Prozent wissen nicht, ob dies geschieht (siehe Abbildung 3).
Sicherheitsbeauftragte und Ressourcen

Eine wirksame betriebliche Prävention beruht nicht nur auf einzelnen Maßnahmen, sondern auch auf stabilen organisationalen Ressourcen. Dazu gehören betriebliche Akteure, die Sicherheit und Gesundheit im Alltag der Beschäftigten aktiv unterstützen. Sie gelten als wichtige Schutzfaktoren, weil sie Risiken frühzeitig erkennen, Präventionskultur stärken und im Ernstfall handlungsfähig sind.
Die Ergebnisse des DGUV Barometers Arbeitswelt zeigen eine hohe Wertschätzung dieser Funktionen: 94 Prozent der Befragten halten Ersthelfende für wichtig oder sehr wichtig. Jeweils 84 Prozent bewerten auch Sicherheitsbeauftragte sowie Brandschutzhelfende als (sehr) wichtig.
Erhoben wurde auch, in welchem Umfang diese betrieblichen Funktionen tatsächlich vorhanden sind. Knapp drei Viertel der Beschäftigten (72 Prozent) geben an, dass es in ihrem Unternehmen oder ihrer Einrichtung Brandschutzhelfende gibt. 15 Prozent berichten, dass dies nicht der Fall ist, während 13 Prozent hierzu keine Angabe machen können. Eine große Mehrheit von fast 90 Prozent der Erwerbstätigen gibt an, dass es in ihrem Unternehmen Ersthelfende gibt; lediglich 6 Prozent verneinen dies. Drei Viertel der Beschäftigten (73 Prozent) bestätigen Sicherheitsbeauftragte in ihrem Betrieb, während 14 Prozent angeben, dass diese Funktion nicht vorhanden ist. Dabei zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang mit der Betriebsgröße: In kleineren Unternehmen sind diese Akteure aus Sicht der Befragten deutlich seltener vertreten.
Die Befragten sehen ihre Unternehmen am häufigsten auf Pandemien sowie auf Brände oder Explosionen gut oder sehr gut vorbereitet.
Ein weiteres zentrales Element betrieblicher Prävention sind regelmäßige Unterweisungen zu Risiken für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit. 76 Prozent der Befragten geben an, in den vergangenen zwölf Monaten von ihrem Arbeitgeber entsprechend unterwiesen worden zu sein. 30 Prozent berichten von einer persönlichen Unterweisung, 33 Prozent von schriftlichen oder digitalen Informationen und 13 Prozent von beiden Formen. 20 Prozent wurden nach eigener Auskunft in den vergangenen zwölf Monaten nicht über Risiken am Arbeitsplatz unterwiesen – auch hier zeigt sich: Je kleiner das Unternehmen, desto häufiger ist dies der Fall.
Prävention und Krisenfestigkeit
Vor dem Hintergrund aktueller politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen untersucht das DGUV Barometer Arbeitswelt, wie die Befragten die Krisenfestigkeit ihres Unternehmens oder ihrer Einrichtung einschätzen und welche Bedeutung sie Prävention in diesem Zusammenhang beimessen.
Die Ergebnisse zeigen eine sehr hohe Zustimmung zur Bedeutung präventiver Maßnahmen: 89 Prozent halten Vorkehrungen wie Notfallpläne, Brandschutzmaßnahmen oder Maßnahmen zur Arbeitssicherheit für wichtig oder sehr wichtig, um auf Krisenfälle wie Anschläge, Cyberangriffe oder Sabotage vorbereitet zu sein. Nur 8 Prozent bewerten solche Maßnahmen als weniger oder gar nicht wichtig. Eine ähnlich breite Zustimmung findet auch die Aussage, dass Prävention zu sicheren und gesunden Arbeitsplätzen beiträgt und zugleich die Krisenfestigkeit von Unternehmen und damit des Wirtschaftsstandorts Deutschland stärkt (90 Prozent).
Mit Blick auf konkrete Krisenszenarien sehen die Befragten ihre Unternehmen am häufigsten auf Pandemien (64 Prozent) sowie auf Brände oder Explosionen (60 Prozent) gut oder sehr gut vorbereitet. Rund die Hälfte (52 Prozent) geht davon aus, dass ihr Unternehmen auch gegen Cyberangriffe gut gerüstet ist. Deutlich seltener wird eine gute Vorbereitung auf andere Krisen angenommen: 38 Prozent sehen ihr Unternehmen auf Störungen von Lieferketten vorbereitet, jeweils 30 Prozent auf Gewaltereignisse oder Naturkatastrophen. Auch auf länger andauernde Stromausfälle fühlt sich nur eine Minderheit gut vorbereitet (28 Prozent).
Gefragt nach konkreten Maßnahmen zur Vorbereitung auf Notfälle oder Krisen nennen die Befragten – wie Abbildung 4 zeigt – am häufigsten Ausbildungs- und Übungsmaßnahmen, etwa zum Brandschutz, zu Erste-Hilfe-Maßnahmen oder Notfallübungen (67 Prozent). Ebenfalls häufig genannt werden IT-Sicherheitsmaßnahmen (61 Prozent) sowie Notfall- und Krisenpläne (50 Prozent). 42 Prozent berichten von technischen Sicherheitsvorkehrungen, 36 Prozent von festgelegten Kommunikationswegen für den Krisenfall. 19 Prozent nennen zudem externe Beratung oder Kooperationen mit externen Partnern.

Abschließend wurde danach gefragt, ob sie den Eindruck haben, dass Maßnahmen für Sicherheit und Gesundheit in der Arbeitswelt in Deutschland ausreichend wahrgenommen und wertgeschätzt werden. Nur 30 Prozent stimmen dieser Aussage zu. Eine deutliche Mehrheit von 59 Prozent hingegen sieht hier Defizite und ist der Meinung, dass Arbeitsschutzmaßnahmen in Deutschland nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die ihrer Bedeutung entspricht.
Diskussion und Schlussfolgerung
Die Ergebnisse des DGUV Barometers Arbeitswelt 2026 zeigen, dass Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit in einer sich wandelnden Arbeitswelt weiterhin eine zentrale Rolle spielen. Viele der identifizierten Belastungen und Risiken stehen in engem Zusammenhang mit strukturellen Veränderungen wie Digitalisierung, Fachkräftemangel oder demografischem Wandel. Besonders deutlich wird dies bei der hohen Bedeutung organisatorischer Belastungen und psychischer Anforderungen im Arbeitsalltag. Auch mit Blick in die Zukunft erwarten viele Befragte vor allem eine Zunahme psychischer Belastung sowie Auswirkungen veränderter Altersstrukturen der Belegschaften.
Die große Mehrheit der Beschäftigten und Führungskräfte misst präventiven Vorkehrungen eine zentrale Rolle für die Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz und die Krisenfestigkeit von Unternehmen bei.
Gleichzeitig wird deutlich, dass betriebliche Rahmenbedingungen – etwa Arbeitsorganisation, personelle Ressourcen oder Kommunikationsstrukturen – einen Einfluss auf Arbeitsbedingungen und Unfallrisiken haben können. Faktoren wie hohe Arbeitsbelastung, Zeitdruck oder Personalmangel werden von den Befragten häufig als unfallrelevant eingeschätzt. Die Befunde zeigen zugleich, dass zentrale Instrumente und Strukturen der Prävention in vielen Unternehmen als fester Bestandteil einer Sicherheitskultur verankert sind. Dazu gehören insbesondere die Gefährdungsbeurteilung, betriebliche Akteure wie Ersthelfende, Sicherheitsbeauftragte oder Brandschutzhelfende sowie Unterweisungen zu Risiken am Arbeitsplatz. Die hohe Bedeutung, die Beschäftigte diesen Akteuren beimessen, unterstreicht ihre Funktion als wichtige organisationale Ressourcen für Prävention und Krisenbewältigung. Entwicklungspotenzial zeigt sich etwa bei der systematischen Einbindung von Beschäftigten in die Gefährdungsbeurteilung oder bei der konsequenten Berücksichtigung psychischer Belastung.
Mit Blick auf Krisen- und Notfallsituationen wird Prävention eindeutig als strategischer Faktor gesehen: Die große Mehrheit der Beschäftigten und Führungskräfte misst präventiven Vorkehrungen eine zentrale Rolle für die Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz und die Krisenfestigkeit von Unternehmen bei.
Allerdings zeigt sich auch, dass viele der Befragten ihre Unternehmen beziehungsweise ihre Einrichtung auf bestimmte Szenarien – etwa länger andauernde Stromausfälle, Naturkatastrophen oder Gewaltereignisse – bislang nur begrenzt vorbereitet sehen.
Heraus sticht schließlich die Einschätzung der Befragten zur gesellschaftlichen Wahrnehmung von Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit: Eine Mehrheit ist der Ansicht, dass Arbeitsschutzmaßnahmen in Deutschland nicht ausreichend wahrgenommen oder wertgeschätzt werden. Vor dem Hintergrund der aktuellen Transformationsprozesse und der steigenden Anforderungen an Unternehmen und Beschäftigte unterstreicht dies die Bedeutung, Prävention weiterhin sichtbar zu machen und als strategischen Bestandteil einer zukunftsfähigen Arbeitswelt zu stärken.
Fußnoten
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Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV): Barometer Arbeitswelt 2026 – Krisenresilienz, https://publikationen.dguv.de/detail/index/sArticle/4828 (abgerufen am 25.03.2026)